Freitag , 23. Oktober 2020
Andrea Leidigkeit und ihre Kollegen Uwe Beier (hinten l.) und Rewaida Mohamed hoffen sehr, dass die Kunden schnell ins Sozialkaufhaus zurück kommen. Foto: t&w

Sorgen im Sozialkaufhaus

Lüneburg. Sie hatte Glück, meint Andrea Leidigkeit, dass in den letzten Wochen trotz Corona-bedingter Schließung im „Zeughaus“ genug Arbeit anfiel. Denn zuhause rumsitzen – das kann sie nicht mehr. Die ausgebildete Verkäuferin war 30 Jahre lang arbeitslos, nur kleinere Jobs hat sie hin und wieder ausgeübt. Als der Jüngste ihrer neun Kinder vier Jahre alt war, hat die jetzt 54-Jährige beschlossen, einen Neuanfang zu wagen – und muss nun wegen des Coronavirus hoffen, dass sie ihren Job im Lüneburger Sozialkaufhaus „Zeughaus“ nicht verliert.

Das Zeughaus, wie auch der Fundus in Dahlenburg, sind Geschäfte, in denen es unter anderem Bücher, Geschirr und Anziehsachen zu jeweils zwei Preisen gibt: Ein niedriger für die Menschen mit einem geringen Einkommen und ein höherer für alle anderen. Ein Kaufhaus für Jedermann also, bloß komme zurzeit kaum einer. Denn wie vielen anderen Kaufhäusern fehlt dem Zeughaus aktuell die Kundschaft.

„In dem Punkt unterscheiden wir uns nicht von anderen Einzelhandelsgeschäften“, sagt Björn Harms, Betriebsleiter von job.sozial, dem Träger der Sozialkaufhäuser. „Allerdings quält uns gerade noch eine zweite Sorge, die daraus resultiert: Wir beschäftigen Langzeitarbeitslose, für die ihr Job enorm wichtig ist. Wenn das hier so weiter geht, steht all das auf der Kippe.“

Nicht mal 50 Prozent des eigentlichen Umsatzes

Denn Mitarbeiter wie Andrea Leidigkeit bekommen durch ihre Arbeit im Zeughaus die Möglichkeit, ihren Alltag zu strukturieren und sich langsam wieder auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Leidigkeit fing im September 2018 als 1-Euro-Jobberin im Zeughaus an, arbeitete sich schnell ein und hatte dann auch ein wenig Glück, wie sie und Harms sagen. „Denn Anfang 2019 kam das neue Teilhabechancengesetz heraus, das uns die Möglichkeit gibt, Mitarbeiter wie Festangestellte zu behandeln“, erläutert Harms. Das Jobcenter übernimmt dabei den Großteil der Lohnkosten.

Für Leidigkeit ein wichtiger Schritt: „Ich habe hier langsam angefangen und konnte mich schon schnell weiter vorarbeiten. Ich möchte hier unbedingt noch bleiben. Jetzt auf den normalen Arbeitsmarkt gehen zu müssen, wäre für mich ziemlich schwierig.“

Damit die Arbeitsplätze von Leidigkeit und ihren Kollegen gesichert werden können, ist das Zeughaus auf Kunden angewiesen. „Normalerweise bitten wir um Sachspenden, weil wir eigentlich so etabliert sind, dass wir viele Kunden haben“, sagt Harms. Jetzt aber sei das Gegenteil der Fall: „Spenden haben wir mehr als genug bekommen in der letzten Zeit. Aber bisher fehlen die Kunden. Wir haben derzeit nicht mal 50 Prozent des eigentlichen Umsatzes.“

Von Lilly von Consbruch