Die Archäologen Florian Kühle (l.) und Jan Bock inspizieren eine mehr als 2000 Jahre alte Feuerstelle, die Funde werden sorgfältig dokumentiert (Foto links). Die Markierungen, die den Standort des wohl größten Gebäudes der eisenzeitlichen Siedlung zeigen, sind kaum zu erkennen und auf diesem Bild farblich unterlegt (Foto rechts). Foto: Michael Behns

Spannender Blick in die Eisenzeit

Rullstorf. Einfamilienhäuser und das neue Feuerwehrhaus sollen am westlichen Rand von Rullstorf, im Bereich zwischen Stadtweg und Zum Sauerbach, entstehen. Aber die Neubürger, die dort wohl im Laufe des kommenden Jahres einziehen, werden nicht die ersten an diesem Standort sein: Schon vor mehr als 2000 Jahren, in der Eisenzeit, lebten am „Winkelfeld“ Menschen. Das haben jetzt Ausgrabungen ergeben, die noch bis nach Pfingsten laufen.

Nur wenige Hundert Meter entfernt vom Winkelfeld liegt der Kronsberg – seit Jahrzehnten Anziehungspunkt für Archäologen, die dort reichlich Nachweise dafür fanden, dass das Areal seit 5000 Jahren kontinuierlich besiedelt wurde. Als die Scharnebecker Erschließungs- und Baugesellschaft (SEB) das Bauleitverfahren für das Winkelfeld einleitete, schaltete sich routinemäßig Bezirksarchäologe Dr. Mario Pahlow ein.

Zwei Meter breite Suchstreifen

Für die SEB, die die Grabungsarbeiten auch zahlen muss, sah sich Geschäftsführerin Rebecca Alt am Mittwoch am Winkelfeld um. Die Voruntersuchung hatte dort im vergangenen Herbst begonnen, damals schob ein Bagger zahlreiche zwei Meter breite Suchstreifen ab. Die Funde ließen schnell erkennen, dass das Areal in der Vorzeit bewohnt war, berichten Pahlow und Jan Bock, der mit seinem Buchholzer Archäologiebüro die Arbeiten vor Ort durchführt.

Anfang Mai begannen Bock und seine Mitarbeiter mit den Feinarbeiten. Bis zu einer Tiefe von 60 bis 80 Zentimeter wurde der Mutterboden abgeschoben. Darunter gab es für die Archäologen reichlich zu entdecken. Bock: „Allerdings weniger Gegenstände wie Scherben oder Gefäße.“ Dafür dunkle Verfärbungen, die auf frühere Holzpfosten, auf Feuerstellen oder auf „Siedlungskuhlen“ schließen lassen. Mario Pahlow: „In denen haben die Menschen Gegenstände aufbewahrt, Lebensmittel gekühlt oder auch Abfall entsorgt.“

Von besonderem Wert sind vier zusammenpassende Keramikscherben: Sie stammen aus der Zeit zwischen 500 und 300 vor Christus, vermutet Pahlow. Darauf lasse das spezielle Muster schließen – und aus dem Alter der Scherben wiederum lasse sich auch das Alter der Siedlung ableiten.

Haus aus der Eisenzeit

Und es kam noch besser: Die Archäologen fanden im südöstlichen Bereich des Areals zahlreiche dunkle Verfärbungen im Boden, aufgereiht wie an Bindfäden. Sie lassen auf vermoderte Holzpfosten schließen, und die wiederum auf ein größeres Gebäude. Mario Pahlow: „Wohl das Haupthaus eines Gehöfts.“

„Den Grundriss eines solchen Hauses aus der Eisenzeit, das gibt es im Landkreis nicht, das gibt es auch zwischen Elbe und Weser nur selten“, erklärt der Bezirksarchäologe. Und Jan Bock sagt: „Ich gehe davon aus, dass hier zwei Einzelgehöfte standen.“

Insgesamt sind es bis jetzt 150 Stellen, die vermessen, fotografiert, beschrieben und gezeichnet wurden. Nach Pfingsten wollen die Experten das Haupthaus vermessen. Bock: „Dann wird die Oberfläche plan gemacht, die dunklen Stellen werden markiert und fotografiert.“ Wenn am Ende alle Funde registriert sind, wird sich der Boden über der eisenzeitlichen Siedlung wieder schließen – damit künftig neue Rullstorfer dorthin ziehen können, wo schon vor mehr als 2000 Jahren gelebt wurde.

Von Ingo Petersen