Auf Abstand nur aus Vorsicht vor Corona: Andrea Glass und Paul Zeise sind das neue Sprecher-Duo der Grünen. Foto: Feldhaus

Generationenwechsel nach Schockstarre

Lüneburg. 43 von 52 Stimmen – 82,7 Prozent Zustimmung. Beifall brandet im Kulturforum Wienebüttel auf. Tanja Bauschke eilt mit einer Sonnenblume auf Claus C. Poggensee zu. Sitzungsleiterin Mira Pape fragt eher der Form halber, ob er das Amt als Sprecher für weitere zwei Jahre annimmt. Da sagt der Hohnstorfer mit fester Stimme: „Ich nehme die Wahl nicht an.“

Stille. Entsetzen. Schockstarre. „Warum?“, fragen manche laut, andere leise. „Als Sprecher ist mir das zu wenig“, sagt Poggensee in den Raum hinein. Mehrere starten am Mikro Überredungsversuche. Auch Gegenstimmen und Enthaltungen – die Grünen trennen das bei Personalentscheidungen nicht – „können ein Kompliment sein“, wirbt Bauschke. Co-Sprecherin Andrea Glass – soeben mit 51 von 52 Stimmen wieder gewählt – schwärmt von der „so großartigen Zusammenarbeit“ und appelliert „Gib Dir einen Ruck, bitte“. Poggensee lässt sich dadurch nicht umstimmen: „Ich bleibe bei meinem Nein.“

Petra Kruse-Runge, Vorsitzende der Grünen-Kreistagsfraktion, findet schließlich einen Weg, als sie einen zweiten Wahlgang vorschlägt. Dem stellt sich Poggensee und bekommt 41 der 52 Stimmen – zwei weniger als zuvor. Mira Pape muss ihn da eigentlich nicht mehr fragen. Vielmehr bittet sie alle im Saal „in sich zu gehen“.

Tanja Bauschke schlägt schließlich Paul Zeise vor. Der 23-Jährige ist seit anderthalb Jahren Mitglied, war aktiv im Europawahlkampf und arbeitet neben seinem Leuphana-Studium in International Business als Regionalbetreuer für die Landtagsfraktion der Grünen. „Das war nicht mein Plan, aber ich traue mir das zu“, sagt Zeise bei seiner Vorstellung. Einen Fokus möchte er nicht zuletzt darauf legen, „die digitale Präsenz nach vorne zu bringen“. 45 Stimmen bekommt er schließlich – und nimmt die Wahl an.

50 Prozent mehr Mitglieder seit Anfang 2018

Es wird nicht der einzige Generationenwechsel an diesem Abend sein. Am Ende sind sechs der zehn Vorstandsmitglieder (siehe Infobox) noch keine 30 Jahre alt. Die Grünen, die im Kreistag und Stadtrat von Lüneburg die ältesten Fraktionen stellen, werden nicht nur jünger, sondern weiterhin auch mehr. 370 Mitglieder zählt der Kreisverband inzwischen in seinen Reihen. Binnen zweieinhalb Jahren ist das eine Steigerung um gut 50 Prozent. Selbst der Corona-Lockdown kann dieser Entwicklung nichts anhaben – seit Jahresbeginn wuchs die Mitgliederzahl um zehn Prozent.

Corona könnte aber aus grüner Sicht durchaus Folgen haben. Landtagsabgeordneter Detlev Schulz-Hendel fürchtet, dass ökologische und soziale Projekte zurückgedreht werden könnten. Petra Kruse-Runge nennt als Beispiel die Diskussion um die Bleckeder Fähre. Den Vorstoß von Landrat Jens Böther (CDU), die Neuanschaffung auszusetzen, sei „das denkbar Bekloppteste, was man da machen kann“, sagt sie ungewohnt drastisch.

So reden sie sich warm in dem kalten Saal, alle mit Sicherheitsabstand weit voneinander entfernt sitzend. Ab Herbst wollen sie durchstarten ins Wahljahr 2021 und an den Erfolg bei der Europawahl 2019 anknüpfen, als sie stärkste politische Kraft im Landkreis wurden. „Wir müssen richtig viele Stimmen kriegen, die den Landkreis grün bestimmen werden“, gibt Oliver Glodzei so etwas wie den Einpeitscher.

Poggensee kandidiert am späten Abend als Beisitzer. Mit 28 Stimmen erhält er das schlechteste Ergebnis und fällt durch. Jetzt gibt es Blumen, Wein und Beifall – viele stehen auf.

Von Marc Rath

Grüner Kreisverband

Neuer Vorstand

Sprecherteam: Andrea Glass (51 Stimmen), Paul Zeise (45)
Kassierer: Heiko Borgert (48)
Beisitzerinnen und Beisitzer: Tanja Bauschke (41), Ingo Götz (44), Jule Grunau (46), Liliana Josek (48), Lotta Löwe (49), Moritz Meister (32), Jonas Schröder (36)