Freitag , 23. Oktober 2020
Eine Physiotherapeutin erklärt einer Patientin die Belastung der Wirbelsäule. An manchen Stellen wünschen sich Lüneburger Physiotherapeuten mehr Fleisch am Rettungspaket. (Foto: Adobe Stock)

Ein Rettungsschirm als Fallschirm

Lüneburg. Zwar hatte Gesundheitsminister Jens Spahn bereits Ostern den Rettungsschirm für das Gesundheitswesen so erweitert, dass auch die Physiotherapeuten dar unter Platz fanden. Doch seitdem wurde weiter daran genäht, um einige von den Heilmittelerbringern monierte Lecks zu flicken. Jetzt wurde der letzte Stich gesetzt. 970 Millionen Euro stecken in dem von den gesetzlichen Krankenkassen gespeisten Topf, der Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Podologen über die Corona-Krise helfen soll. „Das ist ein Erfolg“, sagt der Bardowicker Physiotherapeut Hans Joachim Schröder, „und in der Dimension der Branche angemessen.“ Seine Lüneburger Kollegin Iris Prinke-Gosch ergänzt: „Was der Verband da geleistet hat, war Wahnsinn. Hut ab.“

Ausgleichzahlung von 40 Prozent

Die Praxen sollen eine einmalige Ausgleichzahlung von 40 Prozent der Vergütung bekommen, die sie im 4. Quartal 2019 von den gesetzlichen Krankenversicherungen erhalten haben. Eine Regelung, die sich durch ein paar Leinen so verheddern ließ, „dass aus dem Rettungsschirm ein Fallschirm wird“, wie Iris Prinke-Gosch findet. Denn nicht alle Leistungen, die die Praxen erbringen, werden in die Berechnungsgrundlage für die Ausgleichszahlung miteinbezogen. So überweisen Zahnärzte seit jüngster Zeit vermehrt Patienten zur Behandlung einer Kieferfehlstellung an die Physiotherapeuten. Dies bleibt beim Rettungsschirm ebenso außen vor wie Rehasport oder Funktionstraining. Ebenso Rezepte, die von Berufsgenossenschaften oder privaten Krankenkassen finanziert wurden.

Verträge nicht auf dem neuesten Stand

Hans Joachim Schröder trifft das kaum, „derartige Rezepte sind bei mir marginal, aber einige Kollegen sind angeschmiert.“ Etwa die Lüneburgerin Prinke-Gosch: „Geschätzt bis zu 25 Prozent unserer Leistungen sind Kiefergelenkstherapien, und ich habe 30 bis 40 Prozent Privatpatienten. Eine Freundin in
29 München hat sogar eine reine Privatpraxis. Sie bekommt nun nichts.“

Der Grund der Unwucht: Die Verträge zwischen den Krankenkassen und den Heilmittelerbringern sind nicht auf dem neuesten Stand. „Zahnärzte etwa verschreiben erst seit kurzem Verordnungen für Physiotherapeuten“, sagt Schröder. „Und da die Kassen von der Politik gezwungen wurden, einen Rettungsschirm aufzuspannen, ziehen sie sich auf das zurück, was sie nach den Buchstaben der Regelungen müssen.“

Normalisierung nicht zu spüren

Wie schwer die Corona-Krise sie getroffen hat, werden die beiden erst später genau wissen. Denn erst in den kommenden Wochen und Monaten werden viele von den Rezepten abgerechnet, die im März/April anfielen – oder oft genug wegfielen.

„Die Risikopatienten bleiben fern und viele Menschen sind noch so verunsichert, dass sie erst gar nicht zum Arzt gehen.“ – Iris Prinke-Gosch , Physiotherapeutin aus Lüneburg

Von einer Normalisierung oder gar einem Aufholen versäumter Therapien spüren die beiden Physiotherapeuten in ihren Praxen jedenfalls nichts. „Vereinzelt kommen Patienten zurück“, sagt Prinke-Gosch, „doch die Risikopatienten bleiben fern und viele Menschen sind noch so verunsichert, dass sie erst gar nicht zum Arzt gehen.“

Von Joachim Zießler