Donnerstag , 1. Oktober 2020
Das Kamerateam ist bei dem Nachbarschaftsstreit zwischen Dennis A. und dessen Frau Miriam sowie Manfred H. (nicht im Bild) immer dabei, auch beim Termin vor dem Amtsgericht. Foto: t&w

Spionage vom Klettergerüst?

Lüneburg. Dennis A. ist ein gestandener Mann in den besten Jahren. Doch wenn er an seine Kinder denkt, schießen ihm spontan die Tränen in die Augen. „Ich habe Angst um sie“, schluchzt er. Die Kamera hält voll drauf aufs Gesicht am Mittwoch vor dem Lüneburger Amtsgericht. Denn für seinen Termin vor der Zivilkammer hat Dennis A. ein Fernsehteam im Schlepptau.

Der Mann, der ihm nach seiner Aussage das Leben zur Hölle macht, kommt von der anderen Seite auf einen Stock gestützt zum Gerichtseingang. Manfred H., 79 Jahre alt, nach eigenen Angaben fast blind. Doch offenbar kein Kind von Traurigkeit. Mit fast allen Nachbarn hat er es sich schon verscherzt, ein Video soll sogar zeigen, wie er am 1. Mai mit einer Gaspistole auf Dennis A. schoss. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, doch das ist an diesem Mittwoch nicht das Thema vor dem Amtsgericht. Hier geht es um Gelbe Säcke, Beleidigungen und Beobachtungen von einem Spielgerüst aus. Die nächste Runde in einem schier unlösbaren Nachbarschaftsstreit.

Amtsrichter befördert Kamerateam vor die Tür

Amtsrichter Blumenthal verfolgt eher skeptisch den Aufmarsch des Medientrosses in Saal 214 und befördert das Kamerateam gleich wieder vor die Tür. Er hat sichtlich kein Interesse, dass dieser Prozess zu einer Generalabrechnung instrumentalisiert wird, und versucht, den Sachverhalt auf die Fakten des Tages zu beschränken. Drei Unterlassungsanträge hat der Rentner eingereicht: Dennis A. soll seine Gelben Säcke und seinen Sperrmüll nicht mehr auf dem Hauszuweg zur Abfuhr bereitstellen, er soll nicht mehr auf das Klettergerüst im Garten steigen, um ihn zu beobachten, und er soll ihn nicht mehr beleidigen.

Doch das sind nur kleine Ausrisse eines Streits, der längst viel tiefer geht. Und die Protagonisten wollen eigentlich am liebsten alles auf den Tisch bringen, der Gerichtstermin erscheint ihnen eine willkommene Gelegenheit. Immer wieder nehmen sie Anlauf, ihr Schicksal ausschweifend zu schildern. Das hatten sie auch schon in dem Fernsehbeitrag eines Boulevardmagazins gemacht. Bei Dennis A. flossen auch damals Tränen der Verzweiflung, Manfred H. drohte gleich mehreren Nachbarn Stock schwingend an, sie alle in den Knast zu bringen. Das Kamerateam hatte der Rentner damals sogar in seine Wohnung gelassen, heute will er von den Medien lieber nichts mehr wissen.

Über Stunden rübergestarrt

Wo die Gelben Säcke nun genau auf die Müllabfuhr warten, lässt sich schwer herausfinden. Mehr auf dem Weg zur Haustür oder mehr auf dem Bürgersteig? Und eigentlich sei es ja auch Sache der Stadt, als Ordnungsbehörde einzuschreiten, wenn sie nicht angemessen daliegen, überlegt Richter Blumenthal. Und der Spionage-Vorwurf? Wenn Dennis A. mit seinen Kindern das Klettergerüst besteigt, könne man „ja schlecht bestimmen, dass er den Kopf nicht in Richtung des Nachbargrundstücks wenden darf“, meint der Richter. Wenn beide Parteien im Garten seien, müsse man damit leben, dass man sich sieht. Die Lage sei viel dramatischer, widerspricht der fast blinde Pensionär: Über Stunden habe der Nachbar zu ihm rübergestarrt.

20 Minuten sind für den Streit angesetzt, es werden schließlich doppelt so viele. Und weil sich Blumenthal schlicht weigert, bei der ganz großen grundsätzlichen Drama-Inszenierung mitzuspielen, fährt der Anwalt von Manfred H. andere Geschütze auf: Der Richter verharmlose den Vorfall, klagt der Verteidiger. Und auch Manfred H. setzt zum nächsten Klagelied an, während Dennis A. bei seinem Leben schwören möchte, dass er den ungeliebten Nachbarn nicht beleidigt habe. Richter Blumenthal verzichtet darauf, diese Ehrenerklärung zu Protokoll zu geben.

Kompromissvorschlag läuft ins Leere

Und so läuft der Kompromissvorschlag des Gerichts, beide Parteien könnten sich doch schlichtweg dazu verpflichten, auf wechselseitige Beleidigungen zu verzichten, ins Leere. Eine Entscheidung über das konfliktfreie Bereitstellen Gelber Säcke, die deeskalierende Nutzung eines Klettergerüstes und die Frage, ob Beleidigungen zum guten Ton einer schlechten Nachbarschaft gehören, wird am 3. Juni bekannt gegeben.

Manfred H. schlurft, gestützt von seiner Tochter, zum Fahrstuhl. Der Anwalt von Dennis A. tritt derweil vor dem Amtsgericht vor die Fernsehkamera. Es wird nicht das letzte Aufeinandertreffen vor Gericht sein.

Von Thomas Mitzlaff