Samstag , 26. September 2020
Am Tisch sitzen die Krankenschwester Fatou Njie sowie die Schneider Mohammed Mbay, Bintou Badura und Mohammed Jallow (v.l.). Er ist behindert und freut sich sehr über die Arbeit und sein Einkommen. Am Rettungswagen stehen die Krankenpfleger Adoulei Bah und Alieu Sanneh. Die Schneider bringen ihre genähten Masken, diese werden kontrolliert und dann bekommen sie ihr Geld. Jeder Schneider fertigt 250 Masken. Foto: Privat

Hilfe in der Katastrophe

Lüneburg. Während in Deutschland über Lockerungen und die Rückkehr zu einem normaleren Leben diskutiert wird, sieht es in Gambia ganz anders aus: Corona beutelt das Land. Aus Lüneburg besteht eine besondere Verbindung nach Westafrika: Der Arbeitersamariterbund (ASB) unterstützt dort seit gut 17 Jahren eine Klinik. Aus einem Gesundheitszentrum wurde so etwas wie ein kleines Krankenhaus. Gudrun Lehmbeck aus St. Dionys und ihre Partnerin Beatrice Weigelt führen das Haus. Sie bittet um Hilfe: Sie wollen Masken aus heimischer Produktion anschaffen, doch es fehlt an Geld.

Die Lage dürfte sich dramatisch zuspitzen: Experten und UN-Organisationen warnen davor, dass die Pandemie Afrika heftig treffen dürfte. Die beiden Fachfrauen treibt eine große Sorge um: „Die Covid-19 Krise stellt die ASB-Klinik vor große Probleme, die wir ohne Hilfe nicht bewältigen können. Unser Personal wird am Limit arbeiten, Patienten werden die Kosten für ihre medizinische Versorgung nicht aufbringen können, Medikamente und Schutzmaterialien werden nicht ausreichen.“

Die Maßnahmen werden nicht landesweit sein

In Gambia steigen die Fallzahlen. Ende März hatte die Regierung eine Einschränkung des öffentlichen Lebens beschlossen. Gudrun Lehmbeck berichtet: „Lebensmittelgeschäfte und Märkte dürfen öffnen, alle anderen Geschäfte müssen schließen. Hotels, Restaurants, Moscheen und Kirchen sind geschlossen. Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen dürfen nur noch mit maximal zehn Leuten abgehalten werden. Taxis und Minibusse dürfen nur noch die Hälfte der Fahrgäste transportieren. Diese Maßnahmen werden aber leider nicht landesweit eingehalten. In Gambia gibt es zurzeit zehn bestätigte Corona Infizierte, davon ist ein Patient gestorben. Es wurden bis jetzt nur 330 Personen im ganzen Land getestet.“ Gambia grenzt an allen Seiten an den Senegal, dort waren vor einigen Tagen 736 Personen positiv getestet worden: „Und die Zahlen steigen schnell. Die Grenzen sind offiziell geschlossen, allerdings sieht dies in der Praxis ganz anders aus. Es immer noch unklar, wie sich das Virus etwa in angrenzenden Bereichen der Sahara verhält. Wie wirken sich die hohen Temperaturen auf das Virus aus?“

In Gambia leben rund 2,3 Millionen Menschen, etwa so viele wie in Hamburg und Frankfurt zusammen. Der Staat zählt zu den am dichtesten besiedelten auf dem Kontinent. Beatrice Weigelt schildert es so: „Auch in Gambia heißt es, die Kurve einigermaßen flach zu halten, aber der Fokus ist ein ganz anderer, es gibt keine Intensivbetten und Beatmungsplätze, Schwererkrankte werden die Viruserkrankung nicht überleben. In Gambia beträgt das Durchschnittsalter 17,6 Jahre. Das ist erst einmal positiv. Dennoch gibt es Risikogruppen: die Älteren, HIV-Patienten, Mangelernährte, Menschen, die durch Malaria und andere tropische Krankheiten geschwächt sind. Eine große Risikogruppe stellen die vielen Schwangeren mit Blutarmut, Bluthochdruck, Infektionskrankheiten, Malaria (in der Schwangerschaft) dar. Außerdem wird die Ausbreitung des Virus durch die schlechten sanitären und hygienischen Bedingungen sowie eine mangelnde Versorgung mit fließendem Wasser verstärkt. Es geht hier nicht darum, dass wir vor einem Kollaps des Gesundheitswesens Angst haben – es gibt nicht viel, was kollabieren kann.“

Eine kleine Menge an Schutzkleidung

Das kleine Krankenhaus hat im Jahr 2016 rund 46.000 Menschen behandelt, es gab 1380 Entbindungen sowie 15.000 Impfungen gegen Masern, Gelbfieber, Tetanus. Selbstverständlich haben die beiden Lüneburgerinnen und ihre einheimischen Kollegen längst reagiert, es wurden Mitarbeiter geschult, Abläufe verändert. Doch all das reicht nicht. Es gibt noch eine kleine Menge an Schutzkleidung, die sozusagen nach der Ebola-Krise für fünf Jahren übrig geblieben ist. Gudrun Lehmbeck sagt: „Das wird aber nicht lange reichen und etwas zu bestellen, ist zur Zeit utopisch.“

Beatrice Weigelt ergänzt: „Wir brauchen dringend Schutzmasken, alltagstaugliche für unsere Patienten, deren Angehörige, für Risikogruppen usw. Vor Ort kaufen geht nicht. Also nähen, aber hier haben viele gar keine finanziellen Mittel, um ihre Familien damit auszustatten. Wir brauchen in der Klinik 20.000 Stück, diese möchten wir hier vor Ort fertigen lassen, damit könnten wir vor allem vielen Frauen helfen, die keine Arbeit mehr haben, etwas dazuzuverdienen, damit sie sich Nahrungsmittel kaufen können. Die Fertigung einer Maske kostet umgerechnet einen Euro!“

Sie beschreiben eine bedrohliche Stimmung

Der ASB Lüneburg hat 10.000 Euro Unterstützung zugesagt, um Medikamente zu kaufen. „Beim ASB Lüneburg befinden sich wichtige Medikamente, Ersatzteile und medizinische Verbrauchsmaterialien, die wir dringend benötigen“, erklärt Gudrun Lehmbeck. „Aber es gibt zurzeit keine Möglichkeit, diese nach Gambia zu bringen. Die Schwangerschaftsvorsorge muss zudem intensiviert werden, geschwächte Patienten und chronisch Kranke müssen zügiger erfasst und aufgeklärt werden. Patienten, die Kosten für Medikamente nicht zahlen können, werden subventioniert.“ Eben dafür brauche es finanzielle Mittel.

Deshalb bitten die Helferinnen um Spenden, um vor Ort Material zu besorgen und Masken nähen zu lassen. Sie selber mussten länger in Afrika bleiben als gedacht. Ihr geplanter Rückflug fiel zunächst aus. Sie beschreiben eine bedrohlich Stimmung: „Hier wird es ungemütlich, wir konnten uns in all den Jahren immer frei bewegen, das ist nicht mehr möglich, weil Leute, die uns nicht kennen in den Straßen ‚Corona, Corona‘ hinterherschreien. Wir sind weiß und für viele Einheimische haben wir die Seuche ins Land gebracht.“

Wer helfen möchte, überweist einen Beitrag unter dem Stichwort Gambia an den ASB Lüneburg IBAN: DE48 2405 0110 0000 0313 44

Von Carlo Eggeling