Sonntag , 27. September 2020
Thorsten Riggert hat als Betreiber eines Maststalls mit Preiseinbrüchen zu kämpfen: Im Winter 2019/2020 habe er 2,03 Euro pro Kilogramm Fleisch bekommen, sagt der Landwirt, jetzt seien es nun noch 1,60 Euro. (Foto: t&w)

„Da investiert doch keiner mehr“

Lüneburg/Artlenburg. Die Bratwurst beim Osterfeuer oder das Schnitzel im Gasthaus – in diesem Frühjahr beides gestrichen. Werner Oldenburg trifft das hart: In seinem Stall in Artlenburg leben 300 Sauen, kommen jährlich rund 9000 Ferkel zur Welt – Oldenburgs Lebensgrundlage. Doch mit dem Coronavirus ist das Geschäft ins Wanken geraten: 58 Euro pro Ferkel bekommt er aktuell vom Mastbetrieb, 28 Euro weniger als noch vor der Krise. Davon könne er zwar gerade noch so leben, sagt der Landwirt, aber kaum noch in die Zukunft investieren. Ihm graut vor der neuen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Wenn die greift, muss er seinen Stall umbauen – und das kostet.

21 Prozent weniger als im Winter

Die deutsche Schweinefleischerzeugung wird nach Einschätzung der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen voraussichtlich auch im laufenden Jahr zurückgehen. Die ökonomischen Rahmenbedingungen für die Erzeuger verschlechterten sich zunehmend, berichten die LWK-Marktexperten. Bedingt durch die Corona-Krise stehe der Fleischmarkt spürbar unter Druck: Gegenüber dem letzten Hoch im Dezember 2019 sollen die Preise um rund 17 Prozent eingebrochen sein, hieß es zu Beginn des Monats.

Thorsten Riggert, Vorsitzender des Bauernverbandes Nordostniedersachsen (BVNON) und selbst Betreiber eines Maststalls, kommt inzwischen auf einen noch schlechteren Schnitt: Im Winter 2019/2020 habe er 2,03 Euro pro Kilogramm Fleisch bekommen, jetzt seien es nun noch 1,60 Euro – sprich: 21 Prozent weniger. Dass das allein am zuletzt ausgebliebenen Geschäft mit der Gastronomie oder Exporteinbrüchen liegen soll, könne er sich nicht vorstellen.

Warten auf neue Verordnung

„Die Vermutung liegt nahe, dass es da Corona-Gewinner gibt“, sagt der Landwirt aus dem Landkreis Uelzen. „Die Preise im Handel sind im Schnitt um 18 Prozent gestiegen, bei uns aber um mehr als 20 Prozent gesunken.“ Riggert glaubt, dass der Handel von einer steigenden Fleischnachfrage der Privathaushalte profitiert, die Erzeuger aber am langen Arm verhungern lässt. Von einer massiven Überproduktion jedenfalls könne nicht die Rede sein. Laut Landwirtschaftskammer ging die Fleisch­erzeugung in Deutschland 2019 um 1,4 Prozent zurück. „Schweinefleisch war mit einem Rückgang von 2,6 Prozent mengenmäßig der größte Verlierer in der Fleischproduktion“, teilt die Organisation mit. In den letzten Jahren habe die Schweinefleischerzeugung kontinuierlich an Bedeutung verloren. Thorsten Riggert wundert das kaum: Schwankende Preise und politische Unsicherheiten machten der Branche zu schaffen. „Da investiert doch keiner mehr“, meint Riggert. „Da sagt man: Ich hör‘ auf und mach‘ was anderes.“

Für ihn und Werner Oldenburg aber kommt das nicht infrage. Sie warten gespannt auf die neue Schweinehaltungsverordnung. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie viel Platz ein Schwein braucht. Beide Landwirte gehen davon aus, dass sie ihre Abferkelbuchten vergrößern müssen. Beide werden rechnen müssen. Oldenburg: „Das, was uns an Geld jetzt weggebrochen ist, kriegen wir nicht wieder zurück.“

Der Fleischkonsum der Deutschen

Neun Kilogramm unter dem europäischen Durchschnitt

Der Fleischkonsum in der Bundesrepublik ist nach Angaben der Landwirtschaftskammer Niedersachsen seit Jahren rückläufig und beträgt aktuell 59,5 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Damit liege der Fleischverzehr mittlerweile um neun Kilogramm unter dem europäischen Durchschnittswert.

„Europäische Spitzenreiter beim Fleischkonsum sind Spanien und Portugal: Auf der Iberischen Halbinsel werden immer noch deutlich mehr als 80 Kilogramm pro Kopf und Jahr verzehrt“, teilte die Landwirtschaftskammer mit. Mittlerweile seien allerdings auch osteuropäische Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien oder Litauen deutlich über das deutsche Verzehrniveau hinausgewachsen.

Von Anna Petersen