Donnerstag , 24. September 2020
Auftakt im Prozess um gestohlene GPS-Elektronik in Treckern: Einer der Angeklagten mit seinem Verteidiger Norbert Lösing (r.). Diebe nehmen moderne Landmaschinen ins Visier, bauen die teure GPS-Technik aus. (Foto: be)

Diebe auf dem Acker

Lüneburg. Die Polizei lag schon auf der Lauer: Am Suderburger Kreuz endete im November vergangenen Jahres eine teure Einbruchs- und Diebstahlstour: Die Täter sollen aus Landmaschinen teure Steuerungstechnik ausgebaut haben. Seit gestern muss sich ein Duo aus Polen vor dem Landgericht verantworten. Die Anklage beziffert den Sachschaden mit 281 197 Euro. Doch das dürfte wohl zu tief angesetzt sei. Zeugen schilderten der 2. Großen Strafkammer, dass sie für Reparaturen und Neuprogrammierungen deutlich mehr veranschlagen. Infrage steht überdies, ob die beiden 35 und 42 Jahre alten Männer alle sechs Taten gemeinsam begangen haben. Sie schilderten dem Gericht eine andere Version.

Laut Anklage hatte sich das Duo in Polen zusammengetan, um gewerbsmäßig Schlepper und andere Maschinen auszuplündern. Dabei ging es um GPS-Technik. Einfach gesagt, steuert die Elektronik die Maschinen auf den Feldern zentimetergenau. So können Aussaat, Dünger und Pflanzenschutzmittel zielgerichtet und sparsam eingesetzt werden. Die Tatorte verteilen sich über die Bundesrepublik. Sie lagen in Solln nahe München, in Eutin, bei Würzburg, nahe Zwickau, in Melle bei Osnabrück und in Barum im Kreis Uelzen – es war die letzte Aktion, danach griffen Fahnder der Zentralen Kriminalinspektion in Lüneburg und ein Mobiles Einsatzkommando zu. Seitdem sitzen die Beschuldigten in Untersuchungshaft.

Beide Angeklagte räumten die Vorwürfe gestern ein, allerdings mit Einschränkungen. Der 35-Jährige will nur an drei Tatorten dabei gewesen sein, zudem den ersten Diebstahl allein begangen haben, da sein Komplize nach einem Motorradunfall im Krankenhaus lag. Der 42-Jährige schilderte es ähnlich. Zudem hätten sie einen Teil der Beute noch zu Hause versteckt gehabt, ein Teil der Geräte soll in vier großen Paketen gerade bei der Polizei in Lüneburg angekommen sein.

„Ich habe beschlossen zu klauen“

Der jüngere der beiden schilderte der Kammer sehr gefühlvoll, warum er – als ein Familienvater, der Frau und Tochter sehr vermisse – schließlich zum Dieb wurde. Er habe bereits acht Jahre in Polen im Knast gesessen, danach jahrelang ohne Straftaten gelebt. Als er rauskam, habe er einen Kredit aufgenommen, die Raten aber nicht zahlen können. In Polen würden Banken ihre Forderungen angeblich an Privatleute weiterreichen, die versuchten, das Geld einzutreiben. Er sei unter Druck gesetzt worden: „Ich habe beschlossen zu klauen.“

Da er in der Landwirtschaft gearbeitet habe, „wusste ich, dass das sehr, sehr teure Geräte sind“. Erst habe er mit seinem Kumpel losziehen wollen und sich verabredet. Doch der lag im Krankenhaus: „Ich bin alleine nach Deutschland und habe gestohlen. Einen Monitor auszubauen dauert zehn Minuten.“ Einen Kunden habe er über das Internet gefunden: „Ich bekam ein Zehntel des Preises. Das Geld ging an die, die mir Geld geliehen hatten.“

Für ihn sei eigentlich Schluss gewesen. Doch sein Bekannter sei allein losgezogen, der habe an seine Adresse Pakete geschickt. „Die hat meine Frau angenommen, weil ich als Busfahrer tagelang unterwegs war“, versicherte der Angeklagte. Vorsitzender Richter Thomas Wolter gab den rechtlichen Hinweis, dass es sich in diesen Fällen aus juristischer Sicht um eine Beihilfe handeln könne.
Der Angeklagte will erst wieder bei den zwei letzten Taten dabei gewesen sein, das Motiv: Raten für die drückenden Schulden. Sein mutmaßlicher Komplize sagte ähnlich aus, mehrmals sei es in einem Skoda, einem Leihwagen, nach Deutschland gegangen. Das polnische Kennzeichen soll den Lüneburger Fahndern, die im Bereich Bandenkriminalität ermitteln, wichtige Hinweise geliefert haben – das Nummernschild fiel Zeugen mehrmals auf.

28 Traktoren sollen geplündert worden sein

Die Kammer hatte zunächst mitgeteilt, dass es im Vorfeld rechtliche Gespräche gegeben habe. Danach hatte Moritz Klay, Verteidiger des 35-Jährigen, für seinen Mandanten eine Bewährungsstrafe ins Spiel gebracht, Rechtsanwalt Norbert Lösing, der den zweiten Polen vertritt, hält für „seinen“ Mann eine Haftstrafe von gut drei Jahren für denkbar. Richter Wolter ging von einer „vier vor dem Komma“ aus.

Insgesamt sollen die Angeklagten 28 Traktoren, zwölf Mähdrescher, drei Feldspritzen und eine Sämaschine geplündert haben. Neben Elektronik kamen auch 50 Arbeitsscheinwerfer weg. Wie hoch der Schaden ausfällt, ist unklar. Eben das warf gestern die Terminplanung über den Haufen, weil Zahlen in Akten, Versicherungsleistungen und den betroffenen Firmen voneinander abweichen. Die gestresste Kammer klamüsert das Ganze auseinander.
Der Prozess soll am 8. Juni fortgesetzt werden.

Von Carlo Eggeling