Donnerstag , 24. September 2020
40 Plätze für den theoretischen Unterricht bietet der Hochzeitssaal des Hotels Teichaue, in dem eigentlich gefeiert werden soll. (Foto: t&w)

Büffeln im Hochzeitssaal

Adendorf. Es wäre eigentlich ein Ort ausgelassener Freude gewesen in den vergangenen Wochen. Zwei Hochzeitspaare wollten ihr Ja-Wort im gro ßen Saal des Hotels Teichaue fröhlich feiern, dazu kamen zahlreiche Geburtstagsfeiern. Doch die Corona-Krise hat diesen Planungen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der 300 Quadratmeter große Hochzeitssaal des Adendorfer Gastronomiebetriebes ist stattdessen seit Mitte März verwaist. Bis zu dieser Woche. Denn zwar sind große Feiern immer noch nicht möglich, doch der Saal wurde jetzt kurzerhand umfunktioniert: Er dient einer Fahrschule als Unterrichts- und dem Landgericht Lüneburg als Prüfungsraum.

Warum sie selbst Motorradfahrern in den vergangenen Wochen keinen praktischen Unterricht geben durfte, hat Heidrun Streicher nie verstanden. „Ich im Auto, der Schüler auf der Maschine – wo soll da das Ansteckungsrisiko sein?“, hat sich die Inhaberin der Fahrschule Böckmann in den vergangenen Wochen oft gefragt. Nunmehr darf sie wieder arbeiten. Und die größte Hürde sind mittlerweile die theoretischen Stunden. Denn der Nachholbedarf ist groß, ihre Räumlichkeiten in Adendorf und Lüneburg sind aber wie bei so vielen Fahrschulen eher beengt. „In Adendorf passen ohne Abstandsregelung nur 15 Schüler rein, in Lüneburg 30“, schildert sie. Doch derzeit wären es deutlich weniger.

14 Pflichtthemen in einer Woche

Also setzt sich Heidrun Streicher mit einem Fahrlehrer ins Auto, fährt durch den Ort. Gemeindehaus, Flugplatzgebäude, selbst die Kirche wird als Schulungsraum inspiziert. Auch bei der Gemeinde fragt Streicher nach, dort gibt man ihr unter anderem den Hinweis auf das Hotel Teichaue. Und dessen Besitzer Udo Bleeker, der angesichts unzähliger abgesagter Veranstaltungen und Übernachtungsgäste ebenfalls schwere Wochen hinter sich hat, sagt sofort zu.

Bis zu 150 Gäste feiern normalerweise im großen Hochzeitssaal. Bleeker hat die Erfahrung, wie man ihn zum Schulungsraum umfunktionieren kann, mit all den technischen Voraussetzungen, die dafür nötig sind. Der Landkreis macht sich vor Ort ein Bild, misst genau nach und genehmigt den Unterricht. Seit Mittwoch sitzen nunmehr 40 Fahrschüler aus Adendorf und Lüneburg im Hotel und büffeln Theorie. Und zwar jeden Abend. Denn Heidrun Streicher hat sich auf Intensivschulungen spezialisiert. „Die 14 Pflichtthemen haben wir so in einer Woche durch“, schildert sie. Seit 35 Jahren ist Streicher Fahrlehrerin, ihre Erfahrung: „Man muss die Anfangsmotivation bei den jungen Leuten mitnehmen, das ist dann viel effektiver.“

Für Hotelinhaber Udo Bleeker sind die unverhofften Nutzer des Hochzeitssaals ein kleines Licht am Ende des Corona-Tunnels. Nicht nur die Fahrschule Böckmann hat seine Einrichtung für den Nachwuchs entdeckt: Auch das Landgericht Lüneburg will im Juni seine Referendars-Prüfungen im Hotel Teichaue durchführen. „Was ich in den Wochen zuvor absagen musste, geht auf keine Kuhhaut mehr“, sagt der Hotelier. Neben den vielen Festen waren es auch diverse Hauptversammlungen ortsansässiger Vereine und auch der monatliche Tanztee, zu dem sich Adendorfer Senioren trafen. „Für diese älteren Mitbürger ist das gesellschaftliche Leben einfach weggebrochen“, weiß Bleeker. Im Jahr 2015 hat er den Betrieb übernommen, jetzt hofft er, dass zumindest das Sommergeschäft gut laufen wird. Und dass seine Säle genutzt werden – in welcher Form auch immer.

Von Thomas Mitzlaff