Freitag , 25. September 2020
Der DRK Suchdienst hat eine zentrale Namenskartei mit Dokumenten zu Vermissten und Suchenden des 2. Weltkrieges, hier die Bildkartei vermisster Kinder. Foto: DRK

Weiter Suche nach Vermissten

Lüneburg/Berlin. „Politisch ein bisschen unsensibel“ nennt Eckhard Pols einen Vorstoß, gegen den er sich stemmt. Ausgerechnet am 4. Mai – exakt 75 Jahre, nachdem auf dem Timeloberg das Ende des Krieges in Nordwesteuropa besiegelt wurde – verkündete Gerda Hasselfeldt, die Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, dass der DRK-Suchdienst für Vermisste des Zweiten Weltkrieges Ende 2023 auslaufen werde. „Das hat uns überrascht“, bekennt Pols, der Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten in der Bundestagsfraktion der Union ist. Überrascht, weil die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Hasselfeldt (CSU) „erst im Januar in unserer Gruppe über den Suchdienst berichtet hat“. Und da klang nichts nach Auslaufmodell. 10.091 Anfragen erreichten das DRK 2019, steht in Hasselfeldts Pressemitteilung, nach 9000 im Vorjahr.

Pols mobilisierte die rund 70 Mitglieder seiner Fraktionsgruppe und das Bundesinnenministerium, das den Suchdienst mit 10,6 Millionen Euro finanziert. „Wir halten es für nötig, das noch fünf Jahre zu machen.“ Noch ist das Ende offen, auf der Website des DRK wird gemahnt, Anfragen nach Vermissten bis spätestens Ende 2021 zu stellen.

Fixpunkt in der Gefühlswelt der Deutschen

„Die Nachfragezahlen rechtfertigen keine Einstellung des Suchdienstes“, findet Pols, „zumal wir in Vor-Corona-Zeiten ja auch nicht gerade einen Haushaltsnotstand hatten.“

Noch immer ist der Zweite Weltkrieg ein Fixpunkt in der Gefühlswelt der Deutschen, nicht nur in der Lüneburger Region, in der sich nach 1945 viele Vertriebene ansiedelten. Im vergangenen Jahr machte Lara Rading Schlagzeilen, eine damals 16-jährige Schülerin aus Dresden, die das traurige Schicksal ihres Urgroßvaters mithilfe des DRK-Suchdienstes aufklärte.

Radings Großmutter trug oft ein Armband mit einem Anhänger, auf dem „Vermisst im Osten im Juni 1944“ stand. Das bezog sich auf Heinrich Evers, den Vater ihrer Großmutter. Suchanfragen der Familie in früheren Jahrzehnten hatten nur erbracht, dass er in Kriegsgefangenschaft gestorben war. Nach 1992 bekam das DRK allerdings aus Russland fünf Millionen Karteikarten der „Kriegsgefangenenkartei“ und zwei Millionen Interniertenakten. Die neuen Daten klärten das Schicksal von Heinrich Evers: Von Juni 1944 bis Januar 1945 war er in einem sowjetischen Sammellager, dann kam er in ein Kriegsgefangenenlager in Berditschew in der heutigen Ukraine. Dort starb er am 24. März 1945. Todesursache laut Akten: Verhungern.

Zeitzeugen verschwinden

„Das Interesse wird aufgrund der demografischen Entwicklung abflachen“, befindet Gerda Hasselfeldt. Der Lüneburger Pols hält dagegen: „Gerade weil die Zeitzeugen verschwinden, ist es wichtig, den Nachfahren diese Möglichkeit nicht zu verbauen. Viele der jährlich bis zu 8000 Spätaussiedler stellen Suchan-fragen. Und seit neuestem Migranten aus dem Nahen Osten“. 2083 Flüchtlinge, die den Kontakt zu ihren Angehörigen verloren haben, nahmen 2019 Kontakt zum Suchdienst auf. Die hilflose Trauer nach Kriegen bleibt leider aktuell.

Eckhard Pols hat für seinen Vorstoß, den DRK-Suchdienst noch fünf Jahre weiter zu betreiben, Unterstützung vom Bund der Vertriebenen und vom Beauftragten für Aussiedler und Migranten bekommen. „Jetzt müssen wir an unseren Minister Horst Seehofer ran.“ Pols ist optimistisch: „Das ist noch nicht durch, aber ich sehe kein Problem.“

Von Joachim Zießler