Sonntag , 25. Oktober 2020
Volle Konzentration: In den Räumen der Volkshochschule finden in diesem Jahr zum ersten Mal Abiturprüfungen statt. (Foto: t&w)

Erstmals Abitur an der Volkshochschule

Lüneburg. Claudia Lakatsch geht es wie vielen jungen Menschen: Erst nachdem die Rullstorferin ihre Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin abgeschlossen und ein paar Jahre Berufserfahrung gesammelt hatte, merkt sie, dass es eigentlich etwas anderes ist, was sie interessiert. Lakatsch möchte lieber studieren gehen. Doch dazu fehlte der heute 22-Jährigen das Abitur.
Spontan stößt sie vor einem Jahr in den Vorbereitungskurs der Volkshochschule Lüneburg hinzu, der Teilnehmer, die nicht mehr schulpflichtig sind, auf das Abitur vorbereitet. Nun steht sie kurz vor ihrem Ziel: Lakatsch und 12 weitere Teilnehmer schreiben in diesen Tagen ihre Abschlussprüfungen. Es ist das erste Mal, dass an der Volkshochschule Abitur geschrieben wird.

„Das Konzept, einen Schulabschluss auf dem sogenannten zweiten Bildungsweg zu machen, gibt es schon lange“, sagt Kristina Kürbis, Leiterin des Programms. Neu sei die Form: In Tageskursen, montag- bis freitagvormittags, werden die Teilnehmer in 23 Monaten auf die sogenannte Nichtschüler- bzw. Externenprüfung vorbereitet. Dafür gibt es kaum Voraussetzungen: Die Teilnehmer müssen zum Zeitpunkt der Prüfung lediglich mindestens 19 Jahre alt und seit 12 Monaten in Niedersachsen wohnhaft sein. Ein Haupt- oder Realschulabschluss wird für das Abitur hier nicht benötigt.

Abendschule nicht mehr zeitgemäß

Bis vor zwei Jahren fand der Vorbereitungskurs noch am Johanneum in den Abendstunden statt, doch die Anmeldezahlen waren stark rückläufig. „Das Konzept einer Abendschule ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Daliah Gaschler, Sozialpädagogische Begleitung des Vorbereitungskurses. Die Zielgruppe habe sich geändert: Es seien nicht mehr berufstätige Mittdreißiger, die einen Abschluss nachholen wollen. Die Teilnehmer seien viel jünger, etwa 20 Jahre alt. „Für diese jungen Menschen wäre Abendunterricht der soziale Tod“, so Gaschler.

„Wenn man etwas wirklich will, dann klappt das auch.“
Daliah Gaschler, Sozialpädagogische Begleitung

Gaschler, die eigentlich Suchttherapeutin ist, steht den Teilnehmern während der zwei Jahre mit Rat und Tat beiseite: „Sie alle sind in irgendeiner Weise schon gescheitert, haben oft Mobbing erlebt und leiden teilweise unter Prüfungsangst.“ Dehalb benötige es eine viel intensivere Form der Unterstützung, als es beispielsweise in der Oberstufe von Gymnasien der Fall sei. „Wir gehen auf jeden Teilnehmer individuell ein.“

Viel Unsicherheit durch Corona

Wie alle öffentlichen Einrichtungen musste auch die Volkshochschule aufgrund der Corona-Pandemie für einige Wochen schließen. Erst seit letzter Woche Mittwoch gab es wieder Präsenzveranstaltungen. So wurde der Unterricht kurzerhand durch Videokonferenzen und Arbeitsaufträge ersetzt, sodass Strukturen und der Kontakt erhalten bleiben konnten. „Lange war nicht klar, ob und wann die Prüfungen stattfinden werden. Die Teilnehmer mussten viel Unsicherheit aushalten“, sagt Kristina Kürbis.

Umso glücklicher waren die Teilnehmer, dass die Prüfungen doch stattfinden konnten, wenn auch drei Wochen später als geplant. Die Prüfungsphase begann am Dienstag mit der schriftlichen Mathe-Prüfung, in den nächsten Tagen folgen drei schriftliche und vier mündliche Prüfungen, das Ganze natürlich unter Einhaltung der Hygienevorschriften. Schlechter vorbereitet haben sich die Teilnehmer nicht gefühlt: „Der Online-Unterricht war eine gute Ausweichmöglichkeit und die zusätzliche Vorbereitungszeit kam uns zugute“, sagt Thorben Lassen, einer der Teilnehmer.

Viel in den Abschluss investiert

Auch Lassens Berufsweg verlief nicht immer geradlinig: Während seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger wurde beim 21-Jährigen Diabetes diagnostiziert. Wegen langer Krankschreibung und daraus resultierenden hohen Fehlzeiten konnte der Hohnstorfer seine Ausbildung nicht abschließen. Das Arbeitsamt machte ihn schließlich auf den Kurs an der VHS aufmerksam, seine Zukunftspläne haben sich seitdem grundlegend verändert. „Ich würde nach dem Abi gerne in die Wissenschaft gehen“, sagt Lassen. Geographie, Biologie und Chemie interessierten ihn besonders, doch er wolle erst einmal seinen Notenschnitt abwarten, bevor er sich über mögliche Universitäten informiere.

Die Teilnehmer haben eines gemeinsam: Sie investieren viel, um ihren Abschluss zu schaffen. Thorben Lassen nahm jeden Tag eine lange Busfahrt auf sich, Claudia Lakatsch lernte in nur einem Jahr eine neue Fremdsprache, in der sie jetzt mündlich geprüft wird. „Alle Teilnehmer sind freiwillig hier und stecken deshalb viel Herzblut in die Abi-turvorbereitung“, sagt Daliah Gaschler. „Wenn man etwas wirklich will, dann klappt das auch.“

Von Anna Hoffmann