Freitag , 23. Oktober 2020
Wasserturm-Geschäftsführerin Friederike Westphal findet, dass sie den schönsten Arbeitsplatz der Stadt hat. Forto: phs

Ein alter Herr wartet auf Besuch

Lüneburg. Der Himmel in Schattierungen wie zerronnenes Blei, dazu bläst ein nasskalter norddeutscher Wind – Friederike Westphal findet‘s in 56 Meter Höhe ganz wunderbar: „Ich habe den schönsten Arbeitsplatz der Stadt.“ Anfang des Jahres hat sie die Geschäftsführung des Wasserturms übernommen – und ist kurz darauf in die Krise gerutscht. Corona hat auch den langen Lulatsch infiziert, er war bis vor ein paar Tagen in Quarantäne: keine normalen Besuche waren erlaubt. Nur als backsteinschöne Außenstelle des Standesamtes durfte der Wasserspeicher einsame Paare – Gäste waren kaum erlaubt – glücklich machen. Nun können Besucher wieder auf den herausgeputzen Ausguck steigen. Doch es kommen wenige.

„Wir haben die Zeit genutzt“, sagt die Geschäftsführerin. Handwerker und Crew haben dies und das repariert, etwa den Wasserwirbel der Strudelmaschine, die Türen der Fahrstühle strahlen in frischem Lack. Ganz besonders: Zum ersten Mal seit ewigen Jahren hat eine Firma die Fenster geputzt. „Das war sonst schwer zu machen“, erklärt Friederike Westphal: „Wenn wir Besucher haben, geht das nicht gut zusammen.“

„Wir hoffen erst einmal auf die Lüneburger“

Nun hat der alte Herr, der 1906/07 gebaut wurde, wenn man so will, seinen Sonntagsanzug angezogen und wartet ganz ungeduldig auf die Gäste. Mehr als 100.000 kamen im Durchschnitt pro Jahr. Diese Zahl dürfte nun utopisch sein. Zum einen durch die wochenlange Schließung, zum anderen kommen kaum Touristen an die Ilmenau. „Wir hoffen erst einmal auf die Lüneburger“, sagt die Geschäftsführerin. Doch die „Familien mit Kindern“, die sie als Zielgruppe sieht, blieben bisher aus.

In den vergangenen Jahren hatte Sabine Wohlers, die Vorgängerin von Friederike Westphal, das kulturelle Angebot ausgebaut, auch den „Hochzeitsmarkt“ hatte sie in Zusammenarbeit mit dem Standesamt zu einem lukrativen Einnahmepart entwickelt – ein gutes Fundament. Das will die „Neue“ nutzen. Die studierte Sprachwissenschaftlerin, die ein Zusatzstudium in Betriebswirtschaft absolviert hat, spielt selber Geige, hat im Bach-Orchester mitgemacht.

In der Stadt ist sie verwurzelt, hier geboren, kam sie nach dem Studium und einiger Zeit im Ausland zurück in die Stadt und lebt hier mit ihrer Familie. Job in Hamburg samt Pendeln, dann drei Jahre Leitung des Sozialkaufhauses Fundus in Dahlenburg. Doch der Wasserturm „war immer mein Traum“, sagt die dreifache Mutter. Nun verbindet sie Traum und Wirklichkeit. Die ist durch das Virus gerade nicht einfach.

Charme des Turms

Sie muss gucken, wie sie die neun gerade aus der Kurzarbeit zurückgeholten Mitarbeiter inklusive Minijobber einsetzt, wie sie es gewährleistet, dass sich maximal fünf Personen pro Ebene aufhalten. Auf dem obersten Deck darf es kein Gedränge geben. Es sei denn, man lebt in einem Hausstand zusammen. Die geplanten Konzerte und Veranstaltungen muss sie verschieben. Sie überlegt, wie sie im Sommer ein Projekt mit den Umweltschutz-Aktivisten von Greenpeace umsetzen kann. Alles vor dem Hintergrund weggebrochener Einnahmen.

Doch die 45-Jährige nimmt es optimistisch. Sie ist sich sicher, dass der Charme des Turms und der Einsatz des Teams Besucher lockt und dass das kulturelle Leben sich wieder im alten Gemäuer wohlfühlt.

Und wenn es mal ein bisschen trist ist, läuft sie nach oben und blickt über Dächer und Giebel zu den Kirchtürmen. Auftanken für die Seele: „Hier ist jeder Tag anders. Die Aussicht, das Licht, wunderschön.“ Eben der tollste Arbeitsplatz der Stadt.

Von Carlo Eggeling