Freitag , 18. September 2020
Barmann Till Buchloh bedient im 0,75 Winebar & Eatery. (Foto: t&w)

„Die Gäste sind sehr großzügig“

Lüneburg. Es läuft die übliche Musik: Paul Simon, Randy Newman, Bob Dylan. Das Gesicht des Kellners ist seit fast vierzig Jahren vertraut. Genau wie der ein oder andere Gast. Und doch ist alles anders. Am Eingang die Hände desinfizieren, Name und Telefonnummer in eine Liste eintragen, zur Toilette nur mit Mundschutz und Erlaubnis des Tresenmannes. Die Gastronomie in der Corona-Krise läuft wieder an. Mit einigen Einschränkungen und Unsicherheiten, aber auch mit viel Freude und Optimismus.

Klar, die Zahl der Gäste ist allerorten überschaubar, schließlich dürfen die Wirte nur die Hälfte der Plätze anbieten. Aber die Stimmung unter den Gastwirten ist durchweg gut. Trattoria-Chefin Alessandra de Flaviis schwärmt: „Wow. Wir haben nicht damit gerechnet, dass so viel Leute kommen. Gestern hat es sich angefühlt, als würden wir neu eröffnen.“ Auch der Aufwand nach der Zwangspause war beträchtlich: „Wir haben die letzten drei Tage nur damit verbracht, alles vorzubereiten, um den Auflagen gerecht zu werden und das Team zu schulen.“

Viele Anfragen für Zweiertische

Zu den behördlichen Vorgaben zählt auch, dass das Personal – anders als die Gäste – einen Mund-Nasen-Schutz tragen muss. „Es ist eine Zumutung, stundenlang mit dieser Maske rumzulaufen“, sagt Beatrix Korte, die mit ihrem Bruder Alexander das Alte Brauhaus an der Grapengießerstraße betreibt. „Du merkst, dass du weniger Sauerstoff bekommst, irgendwann wird einem schon schwindelig.“ Auch sie freut sich über die große Nachfrage der Gäste. Allerdings ist auch die Verunsicherung noch groß: „Die Gäste fragen, mit wie vielen Leuten sie kommen dürfen, wer darf dabei sein darf und wer nicht, man hängt schon deutlich länger am Telefon und erklärt, wie es läuft.“ Beatrix Korte berichtet von vielen Anfragen für Zweiertische: „Da merkt man schon, dass die Leute noch vorsichtig sind und unter sich bleiben wollen.“

Vorfreude wie bei einer Neueröffnung

Beatrix Korte (Fotos: t&w)

Beatrix Korte, Betreiberin „Altes Brauhaus: „Ich bin positiv überrascht. Wir merken, dass die Leute wieder Lust haben, rauszugehen. Wir hatten wenig Zeit, die Auflagen umzusetzen, aber wir haben das ganz gut hinbekommen und die Leute nehmen das gut an.“

Jörg Gerdes

Jörg Gerdes, Unternehmer: „Nach den Wochenn der Isolation ist es schön, mal wieder unterwegs zu sein. Wir brauchen die Kommunikation, die Inspiration durch die Gesellschaft. Ich würde gern mal wieder Hände schütteln. Aber wir müssen vorsichtig bleiben.“

Katharina Begasse

Katharina Begasse: „Man braucht das Ambiente, die anderen Menschen, die Wirte, die ja eigene Persönlichkeiten sind. Wir haben uns auch mal was liefern lassen, um die Restaurants zu unterstützen, aber es ist nicht dasselbe, Essen aus Plastikboxen auszupacken.“

Silvia Berger

Silvia Berger: „Es ist wunderbar, endlich mal wieder unter Menschen zu sein, rauszukommen und das alte Leben zu leben. Und wir müssen jetzt die Lüneburger Innenstadt wieder beleben und die Wirte unterstützen, damit wir hier auch in Zukunft noch sitzen können.“

Sasan Khojandi

Sasan Khojandi, Inhaber 0,75 Winebar & Eatery: „Ich habe große Vorfreude auf den heutigen Tag gespürt, es war ein bisschen wie eine Neueröffnung, mit Bauchkribbeln. Die Beschränkungen sind notwendig. Wir haben ja noch Glück gehabt im Kreis Lüneburg.“

So wie Jörg Gerdes, der mit seinem Sohn Alexander im Brauhaus sitzt. Der Clage-Chef hofft, dass die Menschen jetzt bewusster mit der sonst so selbstverständlichen Nähe umgehen: „Davon hängt eine ganze Volkswirtschaft ab und auch unser Gemeinwohl. Aber wir müssen optimistisch sein.“ Wie viele andere Restaurantbesucher an diesem Abend sagt er: „Die Gastronomie braucht jetzt unbedingt unsere Unterstützung.“ Und die bekommt sie offenbar auch. René Schmiedel, Kellner und Tresenmann im Schallander, erzählt, dass seine Gäste auffallend großzügig mit dem Trinkgeld sind: „Wir bekommen viel Solidarität zu spüren.“

Neue Wertschätzung für’s Essengehen

Die wünschen den Wirten auch Michaela und Ralf Weber von der Bauckhof-Pächtergemeinschaft in Amelinghausen, die mit Sohn Jonas und Freund Manuel Netzer in der Trattoria de Flaviis am Stint sitzen. „Ich würde mir wünschen, dass jetzt ganz viele Menschen auch losgehen und nicht warten, bis alles wieder ganz normal ist.“ Doch sie genießen auch selbst die wiedergewonnene Freiheit: „Ich habe wirklich darauf gefreut, mal wieder essen zu gehen. Obwohl wir ja zu Hause gut essen. Aber das hier hat nochmal eine andere Qualität“, sagt Michaela Weber.

Und: „Sieben Wochen jeden Tag kochen, das war lästig“, berichtet Irmi Gruber, die mit Tochter Katharina Begasse einen Tisch im Frappé in der Schröderstraße reserviert hat. Die beiden sind sich einig: „Essen zu gehen war immer was Besonderes, aber jetzt weiß man das noch mehr wertzuschätzen.“

Unter die verbreitete Zuversicht mischen sich aber auch nachdenkliche Töne. Sascha Gilbert, Kellner und Tresenkraft im Schallander, merkt, „dass die Leute noch sehr vorsichtig sind. Die gehen noch nicht alle wieder raus. Das ist im Einzelhandel auch so. Wir müssen das Beste aus der Situation machen“. Doch auch bei ihm überwiegt die Freude: „Es ist schön, nach Wochen endlich wieder auch das Team wieder zu sehen.“

Von Klaus Bohlmann