Lilli Ouattara, Claudia Kuchler und Erik Neubert (v.l.) zeigen ein paar Exemplare der Wanderbücher. Auf den ersten Seiten jedes Buches steht, wie die Aktion funktioniert. Foto: t&w

Wenn Bücher durch Lüneburg wandern

Lüneburg. Ein Satz, eine ganze Seite oder sogar zwei: Wie viel man in das Wanderbuch hineinschreibt, malt oder klebt, ist jedem selbst überlassen. Wichtig ist nur: Man muss es danach persönlich weitergeben, an einen Nachbarn, Freunde oder Bekannte. So sollen 26 Bücher mit Gedanken, Ideen, Grüßen und Wünschen von den Menschen aus Stadt und Landkreis Lüneburg gefüllt werden. Das Projekt kommt vom Geschwister-Scholl-Haus, die sogenannten Wanderbücher starten ihre Reise in dieser Woche.

„Der Grundgedanke ist, dass wir trotz der Corona-Beschränkungen die Kommunikation untereinander fördern wollen“, erklärt Claudia Kuchler (58) vom Mehrgenerationenhaus Geschwister-Scholl-Haus. In einer Videokonferenz mit der studentischen Initiative AndersKreativSozial (AKS) entstand dann die Idee, eine Art Freundschaftsbuch für die Nachbarschaft ins Leben zu rufen.

Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt

Die Bücher starten in den verschiedenen Stadtteilen sowie in einigen Gemeinden im Landkreis, jeweils bei einem Ehrenamtlichen des Geschwister-Scholl-Hauses oder des AKS. Von dort sollen sie dann innerhalb von zwei Tagen ihren Besitzer wechseln – nachdem den leeren Seiten etwas hinzugefügt wurde. „Das kann ein Brief sein, ein kurzer persönlicher Gruß, ein Lieblingsrezept, ein paar Wünsche oder Gedanken – der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Es gibt aber auch keinen Anspruch: Jeder kann so viel Zeit und Mühe reinstecken wie er will“, verdeutlicht Lilli Ouattara (24) vom AKS.

Kuchler, Ouattara und Erik Neubert (26), ebenfalls vom AKS, sind gespannt auf die Resonanz. Sie glauben, dass derzeit viele Menschen ähnliche Sorgen und Gedanken haben und hoffen, dass sie sich in den Wanderbüchern darüber austauschen. „Es tut sicher gut, sich auf seine Mitmenschen zu besinnen und zu lesen, dass es vielen gerade so geht wie einem selbst“, denkt Neubert. Durch die Bücher können die Menschen aneinander teilhaben, ohne sich zu nah kommen zu müssen.

Wanderbücher als Zeitdokument

Wer niemanden findet, der das Buch als nächstes mit nach Hause nehmen möchte, kann es beim Geschwister-Scholl-Haus abgeben. „Wir bringen es dann wieder in Umlauf“, sagt Kuchler. Sie wollen versuchen, die Bücher möglichst weit zu streuen, „damit nicht nachher 20 Stück in der Innenstadt kursieren, im Landkreis aber keins mehr. Sie sollen schließlich möglichst viele verschiedene Menschen erreichen.“ Wer Lust hat, sich in einem der Bücher zu verewigen, innerhalb der nächsten Wochen aber nicht die Chance dazu bekommen hat, kann eine Seite gestalten und sie per Post an das Mehrgenerationenhaus schicken. Sie wird dann in das vor Ort liegende Buch eingeklebt.

Die Wanderbücher sind ein Projekt, das es so in Lüneburg bisher noch nicht gegeben hat. „Wir sind meines Wissens nach auch das erste Mehrgenerationenhaus bundesweit, das so eine Aktion anstößt“, meint Kuchler. Die 26 Bücher sollen, wenn sie Ende des Jahres gefüllt sind, zurück ins Geschwister-Scholl-Haus kommen.

Zum Jubiläum des 20-jährigen Bestehens des Geschwister-Scholl-Hauses und des AKS im nächsten Jahr werden sie dann ausgestellt. Kuchler: „Außerdem kann ich mir vorstellen, dass es die Wanderbücher irgendwann als Zeitdokument ins Stadtarchiv schaffen.“

Von Lilly von Consbruch