Dienstag , 22. September 2020
Christoph Wulf und Laura Volkmann fahren auch dienstlich Motorrad – als Kradmelder. Unter anderem werden sie auf einem „Hütchen-Parcours“ ausgebildet. Foto: kre

Zurück in die Zukunft

Lüneburg. Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde: Oder, ganz zeitgemäß – auf zwei Rädern! Das sehen jedenfalls Laura Volkmann und Christoph Wulf so. Die beiden Oberstabsgefreiten dienen im Aufklärungslehrbataillon 3 Lüneburg – und beide gehören seit wenigen Monaten wieder einer Truppengattung an, die in Zeiten modernster Kommunikations- und Führungssysteme längst als überholt und veraltet galt. Die beiden Aufklärer haben die Ausbildung zu Kradmeldern absolviert. Warum: „Weil Motorradfahren einfach Spaß macht“, bringt es Christoph Wulf auf den Punkt. Der 28-Jährige ist auch privat lieber auf zwei, als auf vier Rädern unterwegs.

Wer in den 1970er- und 1980er-Jahren als Wehrpflichtiger beim „Bund“ war, wird sich noch an die 125er-Herkules-Maschinen erinnern, auf denen die Kameraden bei Wind und Wetter unterwegs waren. Die „Maschinchen“ hatten zwar wenig Leistung, standen aber im Ruf, zuverlässig und robust zu sein.

„Wir leisten hier Pionierarbeit“

Heute verfügen Laura Volkmann und ihre Kameraden über ganz anderes Material – sie sind auf modernen BMW unterwegs. Bei den Aufklärern in Lüneburg sind die Maschinen bereits fest im Ausbildungs- und Dienstplan integriert. „Wir leisten hier Pionierarbeit. Nicht nur für uns, sondern für die gesamten Streitkräfte“, sagt stolz Hendrik Staigis, Kommandeur der Lüneburger Aufklärer.

Der Oberstleutnant weiß: Eine verlässliche Kommunikation ist eines der wichtigsten Elemente auf dem Gefechtsfeld. Allerdings ist spätestens seit der Ukraine und dem NATO-Manöver Trident Juncture klar, dass der potenzielle Gegner aus dem Osten über ein enormes Störpotenzial verfügt. Was die Truppe wieder auf vermeintlich veraltete Führungsmittel zurückgreifen lässt: Die Marine führte wieder Flaggensignale und das Lichtmorsen ein, im Heer erinnerte man sich an die Kradmelder. Uralte aber verlässliche Methoden.

Kommandeur auf dem Sozius-Sitz

Das Dumme ist nur: Als sich die Kradmelder-Truppe vor Jahren abmeldete und die Motorräder abgeschafft wurden, „wurden auch alle Vorschriften vernichtet“, bedauert Oberstabsfeldwebel Marco Kahrau. Er ist bei den Aufklärern zuständig für die Ausbildung der Kradfahrer – und das, obwohl er selbst kein Biker ist und auch keinen Motorrad-Führerschein besitzt.

Das ändert jedoch nichts an seiner fachlichen Kompetenz. Im Gegenteil: „Der Oberstabfeldwebel hat sich richtig in die Aufgabe reingekniet“, lobt Kommandeur Staigis, und Laura Volkmann und Christoph Wulf können da nur nicken. Die beiden hatten sich mit als erste im Bataillon für die Kradmelder-Ausbildung gemeldet. Dabei hat Laura Volkmann noch andere Aufgaben: Sie arbeitet im Vorzimmer des Kommandeurs und ist zugleich auch dessen Fahrerin. Wenn es drauf ankäme, könnte sie den Kommandeur also künftig auch auf dem Sozius-Sitz ihrer GS 850 chauffieren.

Umgang mit Karte und Kompass

Die BMW hat einen wassergekühlten Zwei-Zylinder-Benzinmotor mit 90 PS. Von den 445 kg zulässigem Gesamtgewicht können 216 kg für Zuladung genutzt werden. ABS, Antischlupfregelung und Stabilitätskontrolle erhöhen die Fahrsicherheit. Aufgrund der Ausführung von Fahrwerk, Bereifung und Bodenfreiheit ist das Motorrad für Straßen- wie für Geländefahrten geeignet. Vier dieser BMW stehen bereits bei den Aufklärern, zehn sollen es einmal sein.

Kahrau ist jetzt quasi dabei, das Kradmelder-Wesen in der Truppe zu reanimieren: Dazu hat sich der Oberstabsfeldwebel eine Menge einfallen lassen. So lernen seine Soldaten nicht nur das sichere Beherrschen der BMW und das Fahren im Gelände (keine leichte Aufgabe mit den schweren Maschinen), den Umgang mit Karte und Kompass oder das Orientieren im Gelände. „Was uns aber noch fehlt, ist eine gute Schutzausstattung für die Soldaten“, so Kahrau. Die Panzerkombis mit den eingenähten Protektoren könnten nämlich eine moderne Motorradkombi nicht ersetzen.

Trotzdem: So viel Engagement spricht sich herum – nicht nur in der Panzerlehrbrigade 9, sondern bis hoch hinauf zum Kommando Heer. „Dort schaut man sehr interessiert auf das, was wir hier machen“, berichtet Oberstleutnant Staigis.

Von Klaus Reschke