Sonntag , 27. September 2020
Sie ist neue Hygienebeauftragte bei der Produktionsfirma der Rosen: Andrea Harms will dabei helfen, dass die Infektionsgefahr bei den Dreharbeiten so niedrig wie möglich gehalten wird. Foto: be

Sie hält selbst Pärchen auf Distanz

Lüneburg. Ob Astrid Richter sich bei ihrer Schwester Tina Ratschläge zu ihrem Liebesleben einholt, Alex Maiwald und seine Judith streiten oder Thomas Jansen sei nem Kumpel Gunter Flickenschild nach der Trennung von Merle wieder auf die Beine helfen will: Andrea Harms schaut da jetzt genau hin, wie nah sie sich dabei jeweils kommen. Nicht etwa, weil die Lüneburgerin glühender Fan der Lüneburger Telenovela ist, die 53-Jährige ist neue Hygienebeauftragte am Set und schaut unter anderem darauf, dass die Dreharbeiten und das ganze Drumherum nach den aktuell gültigen Vorschriften und Auflagen abläuft.

Corona hatte die Produktion der Fernsehleute bekanntlich für fünf Wochen lahmgelegt, jetzt hat das Virus aber auch eine neue Stelle geschaffen, wenn auch nicht Vollzeit, sondern als Minijob. Denn für die Arbeit des Rosen-Teams gibt es jetzt neue, strenge Auflagen, die zunächst für Unsicherheit sorgen, zudem auch den sonst so strikten Zeitplan durcheinandergewirbelt haben. Zwei Beispiele: Die älteren Ensemblemitglieder wie Brigitte Antonius arbeiten derzeit nicht, weil sie zur Risikogruppe zählen, und in zwei Wochen wird aktuell so viel sendefähiges Material produziert wie sonst in einer.

Doch auch abseits der Kameras hat sich der Alltag in den Studios verändert: Wer die Hallen betritt, muss sich die Hände desinfizieren, das Tragen einer Maske wird empfohlen, in den Kulissen ist es sogar verbindlich. In der Mensa wurden die Tische auseinandergerückt, nur noch maximal zwei Personen dürfen zeitgleich an einem Tisch essen und müssen sich dabei auch gegenüber sitzen. Die Schauspieler müssen sich allein schminken, in den ersten Tagen nach der Drehpause auch allein frisieren, nach der Lockerung der Regeln für Friseure sieht das demnächst wohl wieder anders aus.

Hauptberuflich im Klinikum im Einsatz

Weil neue Regeln sich erstmal verfestigen müssen, damit alle sie verinnerlicht haben, achtet Andrea Harms nun darauf, dass sich das ganze Team auch daran hält. Quasi eine Oberaufseherin, auch wenn sie selbst lieber sagt: „Ich berate das Team und spreche nur Empfehlungen aus. Aber wenn mir auffällt, dass mal irgendwo was nicht passt, schreite ich auch ein.“ Als Hilfestellung hat sie auch ein Regelwerk zu Papier gebracht, aus dem das Wichtigste in Kürze hervorgeht.

Mit Andrea Harms hat bei der Produktionsfirma Serienwerft eine Fachfrau für das neue Aufgabengebiet angeheuert, die Lüneburgerin ist im Hauptberuf ebenfalls Hygienefachkraft, und zwar im Städtischen Klinikum, dort 30 Stunden pro Woche tätig. „Ich hatte gehört, dass die Produktionsfirma möglicherweise Bedarf in dem Bereich hat. Und da ich derzeit als Stadtführerin nicht arbeiten kann, hatte ich auch freie Kapazitäten. Da habe ich einfach per E-Mail meine Hilfe angeboten.“ Die Produktionsfirma nahm das Angebot dankend an. Die Expertin aber lobt: „Ich bin ja erst seit dieser Woche dabei, dass Team war da schon sehr gut vorbereitet.“

Oft sind es kleine, aber dennoch hilfreiche Tipps, die sie den neuen Kollegen gibt: dass die Maske möglichst nicht vorne am Stoff, sondern besser an der Seite angefasst werden sollten; dass sie, wenn sie nicht vor dem Gesicht getragen, besser nicht in die Jackentasche gestopft oder während des Essens auf den Tisch gelegt, sondern vorne mit den Bändern an einem Knopf der Bluse oder des Hemdes „geparkt“ werden sollten; wann es sinnvoll ist, Handschuhe zu tragen und wann nicht; dass die Desinfektion von Flächen nicht oberste Priorität bei der Eindämmung des Coronavirus haben muss.

Weniger Komparsen, mehr Drehpausen

Jede Sprechprobe findet derzeit nur mit Mundschutz statt, bei jedem Dreh ist ein 1,5 Meter langer Messstab dabei, mit dem die Abstandsregelung überprüft wird. Es kommen zudem deutlich weniger Komparsen zum Einsatz als sonst. Und es gibt mehr Pausen zum Durchatmen als vorher.

Auch wenn es ihre Aufgabe ist, den anderen auf die Finger zu schauen, fühlt sie sich dennoch gleich gut aufgenommen und gebraucht im Team: „Vor einer Szene fragen der Aufnahmeleiter oder die Regisseurin schon mal, ob alles so ablaufen kann, wie sie es geplant haben“, sagt die Fachfrau für die Sauberkeit.

Wie lange sie bleiben wird, steht noch nicht fest. „Der Produktionsleiter hat aber angedeutet, dass er diese Aufgabe hier wohl längerfristig sieht“, sagt die Neue, die ihren Job als „spannend“ bezeichnet. Augenzwinkernd fügt sie hinzu: „Hier sind alle sehr aufgeschlossen für meine Hinweise, im Klinikum ist das nicht bei allen immer so, da sehen mich manche am liebsten von hinten.“

Von Alexander Hempelmann