Montag , 28. September 2020
Waltraud Schröder und Michaela Steudle haben vieles gemeinsam. Vor allem gegenseitige Offenheit ist ihnen wichtig. Foto: t&w

Muttergefühle

Natendorf. Mit zwölf Jahren erfuhr Michaela Steudle (39), dass sie als Säugling von ihrer Familie adoptiert wurde. Zusammen mit ihrer Mutter Waltraud Schröder ( 70) machte sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln. Zusammen haben sie vor dem Grab ihrer leiblichen Mutter Abschied genommen. Zusammen haben sie das, worum es am morgigen Sonntag geht: die Liebe zwischen Mutter und Kind. Ein Gespräch zum Muttertag über Ähnlichkeiten, die nicht biologisch begründet sind, Liebe, Verlust und tiefes Vertrauen.

Michaela, kannst du dich an den Tag erinnern, an dem du von deiner Adoption erfahren hast?
Michaela: Ich war zwölf Jahre alt, als ein Spielkamerad aus dem Dorf plötzlich zu mir sagte: „Deine Mutter ist gar nicht deine Mutter!“ Das musste sich irgendwie herumgesprochen haben, aber ich nahm das damals nicht ernst, hielt das für eine Neckerei. Erst einige Zeit später, meine Mutter und ich stritten gerade heftig, habe ich ihr genau das aus meiner Wut heraus an den Kopf geworfen: „Du bist ja gar nicht meine echte Mutter!“ Sie schluckte erst, dann hat sie mir alles erzählt. Wir haben beide geweint, daran kann ich mich noch sehr genau erinnern.
Waltraud: Ihr Bruder Michael hat immer zu mir gesagt: „Ich will noch eine Schwester – und die soll Michaela heißen.“ Aber ich hatte eine Fehlgeburt, danach konnte ich keine Kinder mehr bekommen. So reifte damals der Gedanke, eins zu adoptieren.

Was hat das in dir ausgelöst, Michaela?
Michaela: Ich hatte natürlich tausend Fragen. Wer sind meine Eltern? Wo komme ich her?
Waltraud: Sie konnte damals schon lesen, also habe ich ihr die Adoptionspapiere gezeigt und ihr alles von ihren leiblichen Eltern erzählt, was ich wusste. Ich hatte sie ja kennengelernt: Er war mir sofort sympathisch, sie war sehr… flippig, na ja, Flowerpower eben. Sie verstarb früh.
Michaela: Damit war es für mich dann auch erst einmal okay, die Infos reichten mir – zumindest fürs Erste. Die Beziehung zu meinen Eltern hat das nie belastet. Erst als ich 18 war, kamen die Fragen wieder geballt auf. Ich wollte ans Grab meiner Mutter, um damit abschließen zu können. Das haben wir auch gemacht. Zusammen. Die Vaterrolle war für mich in dem Moment absolut nebensächlich, obwohl ich eigentlich eher ein Papakind bin. Ich kann mir das bis heute nicht erklären.

Waltraud, was war das für ein Gefühl, Michaela das erste Mal in deinen Armen zu halten?
Waltraud: Als Michaela zur Welt kam, war ich mit dem Roten Kreuz im Lopautal unterwegs. Da kam die Polizei um die Ecke und ich dachte erst, es wäre etwas Schlimmes passiert, aber nein, die Beamten sagten nur: „Herzlichen Glückwunsch, Ihr Kind ist geboren.“ Sie hatten mich wohl ausfindig gemacht, weil ich zu Hause nicht erreichbar war. In dem Moment war ich nur noch von Freude und einer Frage beherrscht: Ist mein Kind gesund? Das war Michaela von Anfang an: mein Kind. Zwei Tage später durfte ich sie aus dem Krankenhaus holen. Sie war winzig: 37 Zentimeter und 3,5 Pfund Leben. Kann man sich das vorstellen? Ein kleiner Apfelsinenkopf und zehn Streichholzfinger.

Waltraud kann sich nicht daran erinnern, bei der Adoption über viele bürokratische Hürden gestolpert zu sein. „Aber das ist inzwischen 40 Jahre her. Man hört ja heute immer wieder, dass das nicht mehr so einfach ist.“

Michaela, hättest du gern anders von deiner Herkunft erfahren?
Michaela: Ich denke, es war schon gut so. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte ich das vielleicht gar nicht richtig verstanden.
Waltraud: Ich war einfach erleichtert, als wir darüber gesprochen hatten. Aber wenn du gefragt hättest, Michaela, hätte ich es dir auch schon früher gesagt.
Michaela: Und wenn ich nie gefragt hätte?
Waltraud: In dem Fall wollte ich es dir an deinem 18. Geburtstag erzählen.

Michaela nickt nachdenklich.

Hast du dich später noch auf die Suche nach deinem Vater gemacht?
Michaela: Ja, mit 20. Mama und ich waren auch recht schnell erfolgreich. Ich weiß noch, wie du ihn angerufen und das Telefon auf Lautsprecher gestellt hast. Ich war sehr aufgeregt. Aber dann das: Er sagte, er sei gar nicht mein Vater, sondern ein früherer Freund. Das war krass. Er informierte diesen Mann und gab mir seine Nummer, aber ich habe ihn nicht angerufen.

Warum?
Michaela: Ich weiß nicht. Wa­rum hat er sich nicht bei mir gemeldet? Er wusste doch inzwischen, wo ich wohne und wie ich erreichbar bin… Ich lernte dann ja auch recht bald meine Schwester mütterlicherseits kennen. Von ihr habe ich mehr über meine Mutter erfahren, auch Bilder gesehen.
Waltraud: Du hast die Hände und die Nase von ihr.
Michaela: Findest Du? Nein, überhaupt nicht. Das will ich gar nicht hören.

Michaela, denkst du manchmal darüber nach, wie dein Leben bei deinen leiblichen Eltern verlaufen wäre?
Michaela: Es wäre eine kalte Kindheit gewesen, denke ich. Meine leibliche Mutter wird als sehr kühl und flatterhaft beschrieben. Sie hatte keine schöne Kindheit, ist in einem Heim aufgewachsen, ohne Eltern. Ich kann ihre Entscheidung, mich abzugeben, inzwischen verstehen. Es war gut so. Diese mütterliche Liebe, die kannte und konnte sie nicht. Meine Kindheit war wunderschön: das Landleben, die vielen Freiheiten, unsere familiäre Offenheit. Wir haben immer alles beim Abendbrot ausdiskutiert – manchmal auch lautstark.

Habt ihr beiden, Waltraud und du, viele Gemeinsamkeiten?
Michaela: Viele sagen, wir hätten eine ähnliche Stimme, vor allem am Telefon. Und als Kind habe ich oft gehört: „Oh, du siehst deiner Mutter so ähnlich.“ Das hat vermutlich was mit der Gestik und Mimik zu tun, unserer Art. Auf jeden Fall sind wir beide sehr offen, das war bei uns immer wichtig.
Waltraud: Stimmt! Wir verzeihen auch beide schnell. Streit zwischen uns ist nie von langer Dauer. Deine Geradlinigkeit, Michaela, macht mich stolz.

Seit rund einem Jahr lebt Michaela zusammen mit ihrem Mann Jens wenige hundert Meter entfernt von ihrem Elternhaus. Auch Jens wurde als Säugling adoptiert. Sie haben in der Vergangenheit viel über diese gemeinsame Erfahrung gesprochen. Das Paar kann keine Kinder kriegen, doch eine Adoption kam für sie nie infrage. Sie genießen die Freiheiten der Zweisamkeit.

Ist eine Mutter-Tochter-Beziehung anders als diezu einem Sohn?
Waltraud: Oh ja, auf jeden Fall.
Michaela: Inniger irgendwie. Ich habe noch lange mit meinen Eltern gekuschelt und oft auf dem Schoß gesessen.
Waltraud: Da war nichts zu machen. (Lacht)
Michaela: Klar, in der Pubertät habe ich mich dann auch ein bisschen abgekapselt. Aber egal wie lange ich abends unterwegs war, wenn ich nach Hause kam, bin ich immer noch zu meinen Eltern ans Bett, um ihnen zu sagen, dass ich wieder da bin.
Waltraud: Du wusstest, dass ich sonst die ganze Nacht lang kein Auge zugetan hätte.
Michaela: Und ich habe dir immer viel anvertraut. Auch, als ich schwanger wurde, warst du die erste, der ich davon erzählt habe. Meine Beziehung damals war sehr schwierig. Aber Mama hat immer gesagt: „Den Kleinen kriegen wir zur Not auch ohne Vater groß.“ Ich hatte leider eine Fehlgeburt, genau wie sie. Seitdem weiß ich, wie stark Muttergefühle sein können.

Von Anna Petersen