Donnerstag , 24. September 2020
Emil erzählt, was er sich von seinen letzten Schulwochen wünscht. Seine Mitschüler hören ihm über das iPad und im Klassenraum zu. Foto: t&w

Viel Zeit für Unterricht bleibt nicht

Lüneburg. Die Wände der Klasse 4a in der St.-Ursula-Schule in Lüneburg sind mit vielen Plakaten geschmückt. Eines erklärt den Unterschied zwischen Subjekt, Prädikat und Objekt, ein anderes zeigt das Sonnensystem, das nächste die Weltkarte. Ein Plakat ist ganz neu, es hängt vorne an einem Schrank. „Corona-Regeln“ steht darauf und „So bleiben wir gesund.“ Wer sich daran hält, darf am Unterricht teilnehmen. Das fordert Schüler und Lehrer an den Grundschulen gleichermaßen.

„Alles, was hier gerade vorgeschrieben wird, verstößt absolut gegen die natürlichen Grundbedürfnisse der Schüler“, sagt Klassenlehrerin Janina Stenzel. Umarmungen, gemeinsames Lernen oder Spielen auf dem Pausenhof – all das ist verboten. Die Kinder dürfen nicht im Klassenraum herumstehen, nicht zu ihren Freunden an den Tisch gehen, nach dem Händewaschen muss jeder sofort auf seinen Platz.

Das ist an anderen Lüneburger Schulen ähnlich. Tanja Staats, Leiterin der Heiligengeistschule, beschreibt, dass derzeit vor allem eines fehle: Berührungen. „Wir legen dem einen Kind die Hand auf die Schulter, um es zu ermuntern. Wir führen einem anderen Kind die Hand beim Schreibenlernen. Wir stehen mit den Kindern Hand in Hand im Guten-Morgen-Kreis – normalerweise. Jetzt geht das nicht, und irgendwie fühlt sich auch dieses ständige Zurücktreten, um den nötigen Abstand zu schaffen, wie eine Zurückweisung an.“

Rückkehr in die Schule ist eine Erleichterung

Patrick Schnüttgen, Rektor der St.-Ursula-Schule, hat jedoch den Eindruck, dass die Kinder die Regeln bereits zu Hause besprochen und verinnerlicht haben. Zwar müssten die Schüler hin und wieder daran erinnert werden, jedoch verstoße kein Kind aus Boshaftigkeit dagegen. „Sie bemühen sich, alles richtig zu machen, schließlich freuen sie sich, endlich wieder hier sein zu dürfen.“

Die Rückkehr in die Schule sei eine große Erleichterung für alle. „Der Online-Unterricht kostet sehr viel Energie. Man muss aufpassen, dass kein Kind zurückbleibt, weil es schlechtere Voraussetzungen zu Hause hat, muss ständig auf unterschiedlichen Kanälen parat stehen und möglichst schnell Rückmeldung geben“, beschreibt Schnüttgen die Herausforderungen für die Lehrkräfte.

Dazu komme, dass erst ab 22. April verpflichtende Aufgaben an die Schüler verteilt werden konnten. „Vorher haben manche Schüler freiwillig etwas gemacht, andere nicht. Jetzt gilt es, alle auf einen Stand zu bringen, um weitermachen zu können.“

Aber auch für die Schüler ist der direkte Kontakt zu ihren Lehrern und Mitschülern wichtig, um den Spaß am Lernen nicht zu verlieren und sich untereinander auszutauschen. „Sogar mit Abstand kann Beziehungsarbeit analog deutlich besser erfolgen als über digitale Wege“, findet Schnüttgen.

Schüler möchten wieder zusammen sein

Allerdings koste die Einhaltung aller Maßnahmen vor Ort enorm viel Zeit. „Wir haben bis zu zwölf Kinder in jeder Lerngruppe. Bis die sich alle die Hände gewaschen haben, vergeht viel Zeit, und das mehrmals am Tag“, sagt Tanja Staats. Auch Schnüttgen bilanziert: „Da bleibt nicht mehr viel für den Unterrichtsstoff.“ In dieser verbleibenden Zeit liege das Augenmerk auf den Basiskompetenzen Mathe und Deutsch. Englisch, Sachunterricht und Musik kämen langsam dazu. „Allerdings möglichst ohne die Fachlehrer, wir versuchen, pro Gruppe nur zwei bis drei Lehrer einzusetzen, um die Infektionsketten zu minimieren.“

An der St.-Ursula-Schule konnte die Klasse 4a am Donnerstag zum ersten Mal seit Wochen wieder vollständig zusammen sein – die moderne Technik machte es möglich. Die Hälfte der Schüler saß im Klassenraum, die andere Hälfte wurde über Video als Konferenz dazugeschaltet. „Was wünscht Ihr Euch für die letzten Schulwochen?“, wollten Patrick Schnüttgen und Janina Stenzel von ihnen wissen. Die Antworten waren eindeutig, wenn auch nicht mit Corona zu vereinbaren: „Ich will noch eine Unterrichtsstunde als ganze Klasse haben“, „Eine Übernachtungsparty in der Schule“ oder „Eine Fahrradtour nach Bardowick“ lauteten die Wünsche. „Vielleicht können wir das alles im nächsten Jahr nachholen“, hofft Schnüttgen.

Auf die Zeit, wenn auch die 3. Klassen ab 18. Mai in die Schulen zurückkehren, blicken sowohl Schnüttgen als auch Tanja Staats positiv. Erst bei den 2. und 3. Klassen könne es zu logistischen Schwierigkeiten an der katholischen St.-Ursula-Schule kommen. Staats sagt: „Ob es den Kindern der 2. und später der 1. Klassen gelingt, die Hygiene-Regeln einzuhalten, bleibt abzuwarten.“

Von Lilly von Consbruch