Donnerstag , 24. September 2020
Obwohl Amazon immer wieder als Gewinner der Krise bezeichnet wird, ist es erstaunlich ruhig geworden im Logistikzentrum Winsen. Foto: phs

„Wir haben nichts zu verbergen“

Winsen. Wer in diesen Wochen das Amazon-Logistikzentrum Winsen betritt, der kommt an zwei Dingen nicht vorbei: einer Wärmebildkamera zur Temperaturerfassung und einem Wandtattoo. „Work hard. Have fun. Make history“, steht da in fetten Lettern geschrieben. Doch zumindest der Spaßfaktor in diesem Satz steht im Widerspruch zu diversen Vorwürfen, die in den vergangenen Wochen aus Politik- und Gewerkschaftskreisen laut wurden. Schutz- und Hygienemaßnahmen würden in Zeiten von Corona unzureichend umgesetzt, heißt es etwa von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Eine Informationspolitik „unter aller Sau“ moniert darüber hinaus Landtagsabgeordneter Detlev Schulz-Hendel (Grüne) aus Amelinghausen. Aus Mitarbeiterkreisen habe er erfahren, dass bis jetzt mehr als 70 Personen am Standort Winsen positiv auf das Virus getestet wurden. Das Unternehmen möchte sich zu konkreten Zahlen nicht äußern, auch der Landkreis Harburg hält sich bedeckt, verrät nur so viel: „Aktuell gibt es sechs Corona-Fälle im Logistikzentrum.“ Die LZ hat sich heute vor Ort umgeschaut.

In Abstimmung mit dem Landkreises Harburg wurden diverse Maßnahmen ergriffen, um dem Corona-Virus zu begegnen: Wer zum Beispiel mehr als 37,5 Grad Körpertemperatur misst, wird inzwischen nach Hause geschickt. Doch wer krank wird und nicht arbeiten kann, muss auf die Krisen-Prämie von Amazon verzichten. Zwei Euro mehr erhalten die Mitarbeiter aktuell pro Stunde, sofern sie an ihrem Arbeitsplatz erscheinen.

Umstrukturierungen im Personalstand

Das geht zum einen nicht ohne Masken und zum anderen seit Kurzem nur noch auf festgelegten Wegen. Um direkte Begegnungen zwischen den rund 1800 Mitarbeitern zu vermeiden, wurden Schichten verändert und Wege mit buntem Klebeband auf dem Fußboden markiert. Diese lotsen die Angestellten durch die Wärmebildkamera, rein in die Umkleide. Dort beobachten zwei Kollegen in gelben Warnwesten, ob auch wirklich der Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten wird. Vor Corona haben sie, wie alle anderen, Waren sortiert oder verpackt. Solche Umstrukturierungen im Personalstand kosten natürlich. Und Pressesprecher Michael Schneider wird nicht müde, die Kosten der Krise genau aufzudröseln. Zwar sei der Umsatz des Versandriesen im letzten Quartal um 26 Prozent gestiegen, aber – und diese Bemerkung ist ihm wichtig – der Gewinn um 30 Prozent eingebrochen. Hohe Ausgaben entfielen etwa auf die Hygiene- und Schutzmaßnahmen.

Obwohl Amazon immer wieder als Gewinner der Krise bezeichnet wird, ist es erstaunlich ruhig geworden im Logistikzentrum Winsen. Das liegt am neuen Schichtsystem. Vor der Krise waren Montag und Dienstag besonders arbeitsreiche Tage, schließlich mussten die Wochenendbestellungen raus. Solche Spitzenzeiten gibt es heute so nicht mehr. Lediglich 500 Leute arbeiteten am Donnerstagmittag auf 64.000 Quadratmetern, wie Standortleiter Jörn Asmussen erklärt. Aus Gründen der Sicherheit hat er im Packbereich jeden zweiten Arbeitsplatz gesperrt.

Glaubt man Detlev Schulz-Hendel, gibt es aber genügend Stimmen, die die Zustände am Standort Winsen weiterhin kritisch sehen. Er habe mehrere Hinweise aus den Reihen der Mitarbeiter zu mangelhaften Hygienestandards erhalten, berichtet der Grünen-Politiker. Bei Amazon ist man sich der Kritik zwar bewusst, aber zumindest an Norbert Brandau, ehemaliger Standortleiter und nun Berater des Chefs, prallt sie gänzlich ab. „Wir haben nichts zu verbergen.“

Mehr dazu lesen Sie am Freitag in der LZ.