Donnerstag , 22. Oktober 2020
Sie haben sich lange nur durch Laufen fithalten können, haben nun aber endlich Gewissheit, dass die praktischen Sportprüfungen nicht stattfinden werden: Friedrich Naegeli (l.) und Piet Rampf. Foto: t&w

Das Ringen um die Fairness

Lüneburg. Sport ist Leidenschaft und Disziplin, Engagement und Teamgeist – und für 25 Heranwachsende, die in Kaltenmoor zur Schule gehen, auch ein wichtiger Teil ihrer Abschlussnote: In diesen Tagen sollten die angehenden Abiturienten an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Lüneburg eigentlich ihre praktischen Prüfungen ablegen. Doch die werden wohl nicht stattfinden, wie die Schulleitung jetzt erfahren hat. Nach langem Hin und Her scheint das Kultusministerium endlich eine Entscheidung gefällt zu haben, mit der alle gut leben können. Der Weg dahin war steinig.

Aus verschiedenen Teilen besteht das Examen im Hauptfach Sport, neben einer Klausur auch aus einem praktischen Element. „Die Schüler können sich dabei für drei verschiedene Sportarten entscheiden“, erklärt Elisabeth Schidda, die den Leistungskursus an der IGS unterrichtet, „darunter jeweils eine Spiel- sowie eine Individualsportart. Die dritte ist frei wählbar und erfolgt als Praxisprüfung mit Theorieteil.“ Normalerweise zumindest.

Wer Schwimmen im Abi hat, konnte ja nicht trainieren

Die Abnahme der Individualsportarten sei grundsätzlich ja durchaus in Betracht zu ziehen, sagt die Fachlehrerin, unterliege dabei aber nicht dem Gebot der Fairness: „Wer Schwimmen gewählt hat, konnte in den vergangenen Wochen gar nicht trainieren und hat damit beispielsweise gegenüber den Leichtathleten einen großen Nachteil.“

Und Mannschaftssport – das ist in Zeiten von Corona im eigentlichen Sinne gar nicht möglich, wenn der Mindestabstand eingehalten werden muss. „Neben der Technik ist aber gerade die Spielfähigkeit, also die Übersicht auf dem Feld, das Einbinden der Mitspieler und das Kooperationsvermögen ein ganz wesentlicher Faktor, der Einfluss auf die Bewertung nimmt“, verdeutlicht Elisabeth Schidda – und deshalb sollte dies unbedingter Bestandteil der Benotung sein.

Leichtathletik und Triathlon

Doch wie sich diese am Ende zusammensetzt, sorgte für Diskussionen: Nachdem in Deutschland der große Lockdown vollzogen wurde, hat sich das Niedersächsische Kultusministerium Gedanken über das weitere Vorgehen an den Schulen gemacht, auch in Hinblick auf das Abitur, darunter im Fach Sport. Ein erster Ansatz besagte, dass die praktischen Prüfungen komplett ausfallen müssten, dieser Teil der Zensuren ein Durchschnitt aus den vier Kursnoten der vergangenen Halbjahre bilden sollte. Das stieß auf Unmut – auch unter den Schülern.

Piet Rampf ist einer von ihnen. Seit Jahren treibt er intensiv und erfolgreich Sport, hat sich mittlerweile auf Leichtathletik und Triathlon konzentriert. Der ursprüngliche Gedanke des Kultusministers hat ihn geärgert, denn: „Die Zensuren der Oberstufe setzen sich immer zur Hälfte aus der Theorie und zur anderen aus der Praxis zusammen. Das würde dann die praktische Gewichtung innerhalb der Abschlussnote reduzieren, und das finde ich nicht gerecht.“ Deshalb hat der angehende Abiturient gemeinsam mit seinen Mitstreitern einen Brief an Kultusminister Grant Hendrik Tonne geschrieben und verschiedene Vorschläge unterbreitet.

Wie sich die Noten letztlich zusammensetzen könnten

Die Idee: Entweder könne sich die Zensur des praktischen Teils der Abschlussprüfung lediglich aus der Praxisnote der vier letzten Semester zusammensetzen. Oder aber es werden die Bewertungen für die speziellen Sportarten herangezogen, denn „jeder von uns hat bestimmte Disziplinen für seine Prüfungen gewählt und diese wurden in den letzten vier Halbjahren, da sie Teil des Unterrichts waren, auch schon geprüft“. Und diese Noten würden seiner Meinung nach die Leistungen am ehesten widerspiegeln, da ja jeder seine stärksten Disziplinen gewählt habe. Das sieht auch Elisabeth Schidda so – und hat sich für diese Möglichkeit gemeinsam mit ihrem Kollegen beim zuständigen Dezernenten stark gemacht. Letztlich offenbar mit Erfolg, wie den jüngsten Verlautbarungen aus Hannover zu entnehmen ist.

Von Ute Lühr