Freitag , 30. Oktober 2020
Karin Meyer vom Hotel "Bremer Hof" bereitet schon die Zimmer vor. Foto t&w

„Das ist touristisches Mittelalter“

Lüneburg. Erleichterung sieht anders aus: „Wenn sie die Übernachtungsbetriebe unter diesen Rahmenbedingungen öffnen lassen, wird in kürzester Zeit die Insolvenzwelle starten“, prognostiziert Hotelier Jörg Laser. „Ohne ein weiteres staatliches Zuschussmodell wäre das nicht zu handhaben“, verdeutlicht Ulrich von dem Bruch, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Lüneburger Heide. Die geplanten Lockerungen für das Hotel-Gewerbe in Niedersachsen stoßen vor Ort in Lüneburg auf, vorsichtig formuliert, Skepsis. Denn der Haken liegt im Detail, sprich in den Bedingungen für eine Öffnung.

Da ist die Vorgabe, dass nur 50 Prozent der Zimmer vermietet werden dürfen, schon eine große finanzielle Hürde. „Die Rentabilität fängt bei den meisten Betrieben erst bei einer Auslastung zwischen 55 und 60 Prozent an“, sagt von dem Bruch. Doch noch schwerer wiegt die vorgesehene „Wiederbelegungsfrist von sieben Tagen“, die derzeit noch im Konzept der Niedersächsischen Staatskanzlei steht.

Nur die Hälfte der Zimmer darf vermietet werden 

Konkret heißt das: Jedes Zimmer darf innerhalb von sieben Tagen nur einmal vermietet werden. „Das mag an der Küste praktikabel sein, in der Lüneburger Heide haben wir aber eine viel kürzere Verweildauer“, sagt der Tourismus-Geschäftsführer. Heißt: Wenn der klassische Städtereisen-Gast ein Zimmer von Freitag bis Sonntag bucht, darf der Raum bis zum nächsten Freitag nicht wieder vermietet werden – die Auslastungsquote sinkt somit für das Hotel noch deutlich unter 50 Prozent. Besonders kleinere Häuser würde diese Regelung hart treffen.

Eines davon ist das „Einzigartig“ von Jörg Laser am Stint. Es hat nur 17 Zimmer. „Bei einer durchschnittlichen Belegungszeit eines Stadthotels von 1,6 Tagen steht das Zimmer dann letztlich fünf bis sechs Tage leer“, schildert er. „Das heißt, dass ich jeden Tag Geld verliere.“ Aufzumachen würde sich für ihn angesichts dieser Bedingungen nicht lohnen, „denn der Verlust durch den Hotelbetrieb wäre höher als die Stillstandskosten.“

Möglicherweise müssen Buchungen abgesagt werden

Dazu kämen noch die komplizierteren Buchungsvorgänge. 70 Prozent seiner Gäste bekäme er über Portale wie das der Lüneburger Heide GmbH, schildert der Inhaber des „Einzigartig“. Damit die 7-Tage-Regel eingehalten wird, müssten Hoteliers sich auf einen Anreisetag festlegen. Ulrich von dem Bruch bezeichnet das als „touristisches Mittelalter“, zumal gerade Stadthotels von Flexibilität leben.

Auch Kerstin und Thomas Brakel warten gespannt darauf, welche Regelungen das Land Niedersachsen in dieser Woche letztlich festzurrt. Ihr Hotel „Bremer Hof“ haben sie auch in den vergangenen Corona-Wochen offen gehalten, auch wenn nur vereinzelt Geschäftsleute übernachteten. „Letzte Woche hatten wir zwei Gäste, einen am Montag und einen am Mittwoch“, schildert Kerstin Brakel. Ihr umsatzstärkster Monat wäre der Mai gewesen, im Juni macht die Buchung einer 30-köpfigen Gruppe Hoffnung – wenn denn alle zeitgleich ein Quartier beziehen dürfen.

Denn das ist das nächste Problem, das auf die Hoteliers zukommen könnte: Bei einer Höchstbelegung von 50 Prozent müssten womöglich in den nächsten Monaten Buchungen abgesagt werden. Rechtlich sei das nicht unproblematisch, weiß Ulrich von dem Bruch: „Das muss juristisch sauber laufen, etwa durch ein dokumentiertes Losverfahren, sonst drohen Schadensersatzansprüche.“ Kerstin Brakel hofft, dass es soweit nicht kommt, sie hat ihre Gäste in den vergangenen Monaten als sehr verständnisvoll erlebt. „Wichtig ist, dass es jetzt erst mal losgeht“, sagt sie. Und greift zum Telefon, um eine weitere Spuckschutzwand zu bestellen.

Von Thomas Mitzlaff