Donnerstag , 22. Oktober 2020
Abstand halten beim Ausblick: der Wilseder Berg an einem sonnigen Sonntagnachmittag. (Foto: geo)

Kein Hufgeklapper in der Heide

Wilsede. Frühling, Sonnenschein und milde Temperaturen: Für den kleinen Ort Wilsede in der Lüneburger Heide bedeutet das normalerweise Kutschen im Takt eines Nahverkehrsbusses. Nicht in Corona-Zeiten. „So ruhig ist es hier im Frühling bei so einem Wetter nie“, sagt eine, die es wissen muss: Kathrin Wormanns lebt seit gut 15 Jahren in dem Dorf, das 25 Einwohner zählt, nicht mit dem Auto anzufahren und bei gutem Wetter dank der Pferde-Taxis dennoch brechend voll ist.

„Wer Wilsede so erleben will wie jetzt, muss ansonsten abends kommen“, sagt die Frau, die mit ihrem Mann und zwei Kindern mitten in dem touristischen Hotspot der Heide wohnt. Aufgrund der Corona-Einschränkungen muss zurzeit aber jeder, der nach Wilsede will, die Strecke mit eigener Kraft zurücklegen, ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad, ob von Undeloh aus oder Döhle, Oberhaverbeck oder Volkwardingen. Das Geklapper der Hufe auf den Kopfsteinpflasterwegen fehlt.

Die Polizei fährt regelmäßig Streife

Viele genießen gerade genau das. Sönke Hülse und Muriel Epstein aus dem Westen Hamburgs sind froh, dass Niedersachsen keine Allgemeinverfügung erlassen hat wie Schleswig-Holstein, die Ausflüge wie diesen verbietet. „Dort dürften wir jetzt nicht einmal Fahrrad fahren“, sagt Sönke Hülse, „an der Landesgrenze an der Elbe steht die Polizei und kon­trolliert.“ Auch in Wilsede fährt die Polizei regelmäßig Streife, denn Zusammenkünfte und Gruppenbildungen sind auch in der Heide nicht erlaubt.

Außer dem Pietzmoor in Schneverdingen und dem Märchenwanderweg in Jesteburg sind sämtliche Wanderwege geöffnet, die Autokennzeichen auf den Parkplätzen in Döhle und Undeloh zeigen: Die beiden Hamburger sind mit ihrem Wunsch, einen Ausflug in die Natur zu machen, nicht allein.

So sind die Parkplätze an den Wochenenden zwar voll, die Cafés und Restaurants, Hotels und Ferienwohnungen aber noch immer menschenleer. Hinter den Fenstern ist es dunkel, die Mietfahrräder stehen in Reih und Glied im Ständer anstatt dass Ausflügler Schlange stehen, um sie auszuleihen. Dass hier ansonsten Kutschen fahren, lässt sich nur aufgrund der entsprechenden Schilder erahnen. Die Fahrten sind zwar nicht explizit verboten, lohnen sich aufgrund der Kontaktbeschränkungen aber nicht.

Kaffee trinken, essen gehen: Auch das geht in der Heide so wenig wie anderswo. Wohl aber können Ausflügler sich ein Glas Heidehonig mit nach Hause nehmen, einzelne Anbieter halten am Wochenende tapfer ihre Stände aufrecht.

Der Mai ist für gewöhnlich der zweitstärkste Monat

Auch Susanne Meyer stellt sich in ihren Laden – auch wenn kaum jemand hineinkommt. Sie darf ihren „Heitmanns Hökerladen“ in Undeloh öffnen, weil sie Lebensmittel und Zeitschriften verkauft. „Den Bereich zur Bekleidung muss ich abtrennen“, erzählt die Frau, die das seit 1957 existierende Geschäft vor 16 Jahren übernommen hat. Normalerweise würde sie an Feiertagen wie Ostern, 1. Mai, Himmelfahrt oder Pfingsten mit drei Angestellten im Laden stehen, nun ist sie allein da und hat noch nicht einmal viel zu tun. „Alle haben Essen und Getränke selbst dabei, sie brauchen nichts.“ Die Situation sei für alle kritisch. „Jeder versucht, sich über Wasser zu halten. Aber es ist schwierig.“

Für die Betriebe sei der geplatzte Saisonstart ein „wirtschaftliches Desaster“, sagt Ulrich von dem Bruch, Geschäftsführer der Lüneburger Heide GmbH. „Nach dem August ist der Mai der zweitstärkste Monat des Jahres.“ Die Dachgesellschaft der Beherbergungsbetriebe untersuche daher die Anforderungen, die für einen Neustart des Tourismus notwendig wären. „Wir gehen alle Kontaktpunkte durch, die ein Kunde bei uns haben kann“, sagt von dem Bruch.

Gutscheine für einen Kaffee mit Buchweizentorte

Zusammen mit den Kollegen der touristischen Landkreis- und Städteorganisationen sollen Maßnahmen erarbeitet werden, wie man die Sicherheit der Gäste darstellen könne. Ziel sei es, den Tourismus verantwortungsvoll wieder hochfahren zu können. Die Gesundheit soll jedoch an erster Stelle stehen, „Tourismus um jeden Preis“ vermieden werden.

Familie Wischhof vom bekannten Restaurant „Heiderose“ in Undeloh hat einen Zettel an ihre Tür gehängt und blickt auf einen Zeitpunkt in der Zukunft, wann auch immer der sein wird. Ihr Vorschlag an alle, die durch die Scheibe ins leere Café blicken: einen Gutschein für ein Kaffeetrinken mit Buchweizentorte in der Heide zu kaufen – als Geschenk für die Eltern oder Großeltern.

Von Carolin George

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