Samstag , 26. September 2020
Administrator Sebastian Mindner und die Didaktische Leiterin Katrin Strupeit organisieren den digitalen Unterricht für 700 Schüler und 80 Lehrer an der Hanseschule Oedeme. Foto: t&w

Steiniger Weg ins virtuelle Klassenzimmer

Lüneburg. Das Kinderzimmer als Klassenraum – auch wenn das Schulleben in Stadt und Landkreis Lüneburg seit Montag allmählich wieder hochfährt, wird ein Großteil der Schüler weiter auf digitalem Weg zu Hause unterrichtet. Eine wichtige Schnittstelle ist dabei für die meisten Schulen der Schulserver iServ, eine Datenbank, auf die von Lehrern Aufgaben hoch- und von den Schülern und wieder heruntergeladen werden können. Alle Beteiligten haben eine eigene E-Mail-Adresse, es gibt einen Messenger-Dienst und auch Videokonferenzen sind möglich.

Die Reaktionen auf diese neue Lernform sind gemischt: Sicher laufe noch nicht alles einwandfrei, aber es gebe große Fortschritte bei der Digitalisierung des Unterrichts, erklärt etwa der Schulelternrat des Gymnasiums Oedeme in einer Stellungnahme. Und bei einer LZ-Umfrage auf Instagram gab es von Benutzern Kritik und Lob (siehe Infobox). Das betrifft sowohl die technischen Voraussetzungen – überlastete Server bei iServ, ein zu schwaches Internet vielerorts im Kreis – als auch den „Faktor Mensch“. Denn auch für die meisten Lehrer, Eltern und Schüler ist die neue Unterrichtsform Neuland.

Die Leitungen und das WLAN müssen vorhanden sein

Die Schule am Katzenberg in Adendorf gilt als eine Vorzeigeschule in Sachen digitaler Fortschritt. Sie ist neben der Kurt-Löwenstein-Schule in Bleckede und der BBS I Lüneburg eine von drei Schulen kreisweit, die sich entschieden haben, Geld aus dem Digitalpakt des Bundes in Anspruch zu nehmen. 70 Tablets wurden in dieser Woche an die Oberschule ausgeliefert, so viele wie an keine andere Bildungseinrichtung. „Wir haben die dafür bereitgestellten 25.000 Euro voll ausgeschöpft“, sagt Schulleiter Hendrik Six. 100 weitere iPads hat die Schule im Rahmen des Medienentwicklungsplans angeschafft. So verfügt jeder Schüler über ein mobiles Endgerät.

Das sagen die Schüler 

Wie und ob das digitale Lernen zuhause funtioniert, wissen wohl die Schüler selbst am besten. Die LZ fragte deshalb nach ihren Erfahrungen mit dem Homeschooling – und zwar ebenfalls digital, über das soziale Netzwerk Instagram. Hier einige Auszüge:

Lara Celine Posekardt schreibt: „Ich komme sehr gut klar, gerade jetzt wo es bei uns auf das Abi zu geht, ist es mir auch wichtig, dass der digitale Unterricht funktioniert. Wir bekommen wöchentlich Mails mit Aufgaben für jedes Fach. Bei Fragen bieten die Lehrer Telefonsprechzeiten an. Und was mir auch gut gefällt ist ein Videogespräch mit allen Teilnehmern eines Kurses und dem Lehrer – auch zu alltäglichen Dingen.“

Paul Vogt schreibt: „Da der Netzausbau in Gellersen noch immer nicht abgeschlossen ist, sind keinerlei Videokoferenzen möglich. Und selbst wenn, iServ ist dermaßen überlastet, dass nichtmal der Messenger funktioniert. Alle geben sich viel Mühe, aber richtigen Untericht würde ich das nicht nennen.“

Elisa Soetebier geht auf die BBS 1 und bereitet sich auf ihr Fachabi vor. „Es ist nicht mit normalem Unterricht vergleichbar“, sagt sie, und fürchtet, dass ihr Abiturschnitt schlechter ausfallen wird als erwünscht. An sich bekomme sie alle Fragen beantwortet, doch in einigen Fächern wie Mathematik habe sie Schwierigkeiten. „Die Lehrer geben sich meistens echt Mühe, aber die Videokonferenzen sind nicht mit persönlichen Gesprächen zu vergleichen.“

Schülerin Maike kommt technisch gut klar: „Das Programm iServ ist da sehr praktisch“, allerdings beklagt sie sich über zu viele Aufgaben. „Digitales Lernen ist sehr viel anstrengender, und man muss so viel einreichen, das macht Druck!“

Digitale Medien sind das Steckenpferd von Hendrik Six. Seit 2003 versucht er das Thema voranzutreiben, zunächst als Verantwortlicher eines Notebook-Projektes an der Christianischule, ab 2005 als Fachberater für neue Medien in der schulformübergreifenden Beratung der Landesschulbehörde und seit 2012 nun als Schulleiter an der Schule am Katzenberg.

„Wir haben die dafür bereitgestellten 25.000 Euro voll ausgeschöpf.“ – Hendrik Six, Leiter der Schule am Katzenberg

Ein Dreierteam sorgt an der Schule dafür, die möglichst besten digitalen Voraussetzungen zu schaffen. Die IT-Administratoren Sven Kunde und Stephane Laisney-Feuerabend haben sich mit dem Schulleiter intensiv darum gekümmert, dass in allen Räumen Wlan zu empfangen ist; alle Schüler, Lehrer und Eltern sind in die Datenbank iServ eingebunden. Es gibt wöchentlich Fortbildungen zum Thema digitales Lernen. Vor den Ferien hat Six abgefragt, welche Schüler und auch Lehrer keinen persönlichen Zugang zu einem persönlichen Internetanschluss haben, „die können wir nun alle mit Tablets ausstatten“. Somit hat jeder Zugang zu regelmäßigen Videokonferenzen.

Hendrik Six treibt die digitale Entwicklung seiner Schule überall voran, wo das nur möglich ist. Und er weiß, dass längst nicht alle Schulen diese guten Startbedingungen haben: „Die Leitungen und das WLAN müssen vorhanden sein, und dann ist das alles eine Frage der Administration.“

Schüler sollen Medienkompetenz entwickeln

Sebastian Mindner ist so ein Administrator, seine Aufgabe ist es, gemeinsam mit der Didaktischen Leiterin Katrin Strupeit an der Hanseschule Oedeme knapp 700 Schüler und 80 Kollegen in den digitalen Unterricht einzubinden. „Es ist ein Lernprozess für alle Beteiligten und es läuft von Tag zu Tag besser“, sagen beide. Während es bei den Lehrern vor allem darum gehe, sie mit den technischen Abläufen vertraut zu machen, täten sich die Schüler dabei natürlich leichter. „Für die Schüler ist es wichtig, dass sie jetzt Medienkompetenz entwickeln“, erklärt Mindner. Denn fürs Leben ganz praktische Aufgaben wie zum Beispiel online Anträge auszufüllen, seien für viele durchaus Neuland.

Katrin Strupeit hat in diesem Lernprozess noch eine andere Beobachtung gemacht: „Schüler, die bislang eher mitliefen und zu den schwächeren gehören, blühen jetzt auf, weil sie mit dem Internet bestens vertraut sind und den anderen viel erklären können“, schildert sie. Ansonsten gebe es gerade in der Anfangsphase einen großen Abstimmungsbedarf. Eltern müssen mit einbezogen, Abläufe erklärt werden.

„Schüler, die bislang eher mitliefen und zu den schwächeren gehören, blühen jetzt auf.“ – Katrin Strupeit, Didaktische Leiterin Hanseschule Oedeme

Das zwangsweise Einführen des digitalen Unterrichts hat noch einmal einen Schub an der Oberschule gegeben, auch Lehrer, die die Thematik gerne beiseite schoben, müssen sich damit nun auseinandersetzen. Ein großes Thema bleibt die technische Ausstattung. Zwar loggen sich rund 70 Prozent der Schüler über das Handy ein und rufen ihre Aufgaben ab, doch nicht jeder kann jederzeit online gehen – etwa wenn ein Elternteil selbst im Homeoffice ist und den Laptop benötigt. „Für solche Fälle kaufen wir die ausgemusterten Geräte von Firmen“, schildert Mindner.

Eines haben alle Schulen gemein: Von 0 auf 100 musste das Projekt „Unterricht zu Hause“ starten, als die Schulen plötzlich geschlossen wurden. Und da sei man, so ist man sich weitgehend einig, auf einem guten Weg.

Von Thomas Mitzlaff