Donnerstag , 22. Oktober 2020
DDie Straf(Foto: A/phs)

Griff zum Messer trotz Bewährung

Lüneburg. Wenn er frustriert ist und unter Drogen steht, wird er zur tickenden Zeitbombe. So wie in der Nacht des 24. November 2019, als er nach einem Streit mit seiner Ex-Lebensgefährtin unweit der Discothek Garage an drei jungen Partygängern vorbeilief, dann meinte, das Wort „Schwanz“ gehört zu haben, kurzerhand sein Messer zog und die 20 und 17 Jahre alten Opfer ausraubte.

Gestern verurteilte das Landgericht Lüneburg Aljoscha T. dafür wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis und ordnete eine Therapie in einer Entziehungsanstalt ein. Denn ohne Hilfe, da hatte der Gutachter im Verlauf des Prozesses keinen Zweifel gelassen, würde der junge Mann wieder ausrasten und weitere schwere Straftaten begehen.

Zwei Jahre und neun Monate Gefängnis

Laut Urteil der 11. Großen Strafkammer war es nach den Ausführungen des Sachverständigen nicht auszuschließen, dass der 29-jährige Angeklagte angesichts seines Alkohol- und Drogenkonsums nur eingeschränkt steuerungsfähig und deshalb vermindert schuldfähig war. Daher gehe man von einem minderschweren Fall aus.

Eine zweijährige Bewährungsstrafe, wie sie der Verteidiger in seinem Plädoyer beantragt hatte, kam für das Gericht aber nicht in Frage. Denn zwar habe der Dannenberger ein umfassendes Geständnis abgelegt und sich auch bei den Opfern glaubhaft entschuldigt, doch dem gegenüber stünden unter anderem erhebliche einschlägige Verurteilungen in den vergangenen Jahren, führte die Vorsitzende Richterin Silja Precht in der Urteilsbegründung aus.

Gleich elf Vorstrafen, in denen noch zahlreiche weitere Straftaten zusammengefasst sind, stehen im Bundeszentralregister des erst 29 Jahre alten Mannes. Immer wieder waren Gewaltexzesse dabei.

Missverständnis führt zu Eskalation

Zwar hatte er zwischenzeitlich schon etwas ändern wollen und aus eigenem Antrieb einen Therapieplatz gefunden, doch dann kam ihm jene Nacht des 24. November dazwischen. Von „Tanz“ hätten sie gesprochen, schilderten die Opfer im Prozess, Aljoscha T. verstand „Schwanz“ und dann griff er zum Messer. „Er wollte Genugtuung für die angebliche Beleidigung“, führte die Vorsitzende Richterin aus. Mit einem Schlag waren alle guten Vorsätze vergessen, Drogen und ein Alkoholpegel von 2,04 Promille taten ein Übriges. Dass er wieder einmal unter Bewährung stand, hatte der Dannenberger komplett ausgeblendet. Die Polizei fasste ihn wenige Minuten nach der Tat. Und so folgten statt der geplanten Therapie fünfeinhalb Monate Untersuchungshaft.

Dreieinhalb Jahre Gefängnis sowie eine Unterbringung in einer Entziehungseinrichtung forderte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Die erheblichen Vorstrafen seien ein erschwerender Aspekt, allerdings sei angesichts der zehn Euro Beute kaum materieller Schaden entstanden und die Opfer hätten keine erheblichen Folgeschäden erlitten. Der Verteidiger begründete seine Forderung nach einer Bewährungsstrafe unter anderem mit dem atypischen Ablauf der Tat: „Eigentlich wollte er an der Dreiergruppe nur vorbeigehen, dann kam es zu dem verbalen Missverständnis und deshalb sitzen wir letztlich hier.“ Geplant gewesen sei die Tat nicht, „es war eine reine Affekthandlung“.

Eine Bewährung kam für das Gericht dann aber auch angesichts der einschlägigen Vorstrafen und der noch ausstehenden Bewährung nicht in Frage. Und so können die knapp drei Jahre Gefängnis, die die 11. Große Strafkammer verhängte, noch einen „Rattenschwanz“ nach sich ziehen. Denn das Amtsgericht Dannenberg prüft nun, weitere Gefängnisstrafen, die zur Bewährung ausgesetzt waren, ebenfalls zu vollstrecken.

Von Thomas Mitzlaff