Sonntag , 27. September 2020
Michael Düker hat in Mordfällen ermittelt, war als Pressesprecher unter anderem in Castoreinsätzen unterwegs. Er hat als Leiter eines Kommissariats gegen Jugendliche ermittelt. Jetzt geht er in den Ruhestand. Foto: ca

Ein Fall begleitet ihn weiter

Lüneburg. 29 Stiche in die Brust und den Hals, sieben in den Rücken, Verletzungen im Gesicht – Iris L. war in ihrem Wahn wie explodiert. Das Opfer hatte keine Chance. „Sie war blutverschmiert“, erinnert sich der Hauptkommissar. „Sie sagte, Kai N. habe sie psychisch vergewaltigt, sie habe sich gewehrt.“ Der Mord in der Herberge im Dezember 2002 war der letzte Fall auf der Wache für Michael Düker, danach wurde er Polizeisprecher. Andere Stationen folgten. Spektakuläre Verbrechen.

Er war leitender Ermittler im Fall Schulze in Drage: Vor bald fünf Jahren brachte ein Vater sich um, Tochter und Ehefrau sind bis heute verschwunden. Eine Tragödie, die immer noch Schlagzeilen macht. Trotzdem, die grausamen Bilder aus der Lüneburger Obdachlosenunterkunft sind im Kopf. Wie auch viele andere. Düker kann damit umgehen, er ist ein Mann mit freundlichem Lächeln, jemand, der große Heiterkeit und Ruhe ausstrahlt. Jemand, der von seinen Kollegen und von Journalisten geschätzt wird. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Im Sommer 2015 kam der Fall Schulze

43 Jahre und sieben Monate bei der Polizei. Er hat zig „Verwendungen“, so heißt es bürokratisch, durchlaufen. Verkehrsüberwachung, Kneipenschlägereien, häusliche Gewalt. Er war Schwerverbrechern auf der Spur, als er im Bereich organisierte Kriminalität angedockt war: „Eine Gruppe, die sich darauf spezialisiert hatte, Airbags auszubauen.“ Er wechselte aus Karrieregründen von Lüneburg nach Winsen und Buchholz.

Er war Chef der Verfügungseinheit, die Allzweckwaffe der Polizei: Sie jagt Verkehrssünder, sie begleitet Demonstrationen, unterstützt andere Kollegen. Später dann der Wechsel ins Kommissariat für Gewalt- und Branddelikte. Im Sommer 2015 kam der Fall Schulze. Es war schnell klar, dass die dreiköpfige Familie aus Drage an der Elbe kein einfacher Vermisstenfall war. Nach ein paar Tagen wurde der Leichnam des Vaters aus der Elbe gezogen, er hatte sich an der Brücke in Lauenburg in die Elbe gestürzt. Die Vermutung: Der Mann hatte vorher Frau und Tochter getötet.

Ein blutverschmiertes Messer: Nach einer Drager Gewalttat zeigt der damalige Polizeisprecher Michael Düker im März 2004 die Tatwaffe. Foto: A/t&w

Doch wo er die beiden gelassen hat, bleibt bis heute ein Geheimnis. „Wir haben uns früh an die Medien gewandt“, sagt Düker. Denn die Polizei brauchte Hilfe. Es gab viele Anrufe von Bürgern. Einer führte an den Mühlenteich bei Seppensen. Düker hatte überlegt, ihn abzulassen. „Die Hinweise waren zu vage. Wenn wir das gemacht hätten, wäre es zu einem Fischsterben gekommen, Mauern der Befestigung wären eingebrochen.“ So ließ er Taucher ins Wasser, Spürhunde wurden über den kleinen See gefahren. Nichts. Ganz oft nichts.

Hinweise, dass Mutter und Tochter irgendwo im Ausland leben. Südamerika, stinkreich. Doch es gibt keinerlei Belege dafür. Kein Lebenszeichen. Heute sagt Düker: „Wenn sie irgendwann doch gefunden werden, wäre ich gern dabei. Es wäre ein Abschluss. Vor allem für die Angehörigen.“ Denn neben Recht und Gesetz gehe es um die Opfer und ihre Hinterbliebenen. Auch darin liege eine Verpflichtung für die Arbeit der Polizei.

43 Jahre und sieben Monate bei der Polizei. Er hat zig „Verwendungen“, so heißt es bürokratisch, durchlaufen. Foto: ca

Prägend für Düker waren seine Jahre als Sprecher der Lüneburger Polizei. Er hat Praktika durchlaufen, auch bei der LZ. Das bescherte ihm einen anderen Blick, er verstand, wie Journalisten ticken und was sie wollen. „Die Basis ist Vertrauen“. sagt der 62-Jährige. Es gibt Gespräche „unter drei“: Der Sprecher sagt etwas mehr, als am Ende in der Zeitung steht. Der Reporter, der neben offiziellen Verlautbarungen andere Quellen hat, kennt den Hintergrund und kommt mit seiner Information dann etwas später, um einen Ermittlungserfolg nicht zu gefährden – dafür liefert er die bessere Geschichte, eben weil er mehr weiß.

Ein Erbe bleibt: Düker hat den SMS-Server miterfunden: Per SMS informiert die Polizei Medien, wenn es einen Unfall oder einen Brand gibt. „Da waren wir die ersten in Niedersachsen, andere haben es übernommen“, sagt er durchaus stolz. Die letzten Berufsjahre hat Düker wieder in Lüneburg verbracht, er leitet das Kommissariat für Jugendkriminalität. Zwar freut er sich auf den Ruhestand, doch seine Kollegen werde er vermissen: „Polizeiarbeit ist Teamarbeit, und ich habe hier eine richtig gute Truppe.“

Von Carlo Eggeling