Samstag , 24. Oktober 2020
Einrichtungsleiter Stefan Kosubek und Mitarbeiterin Katrin Arfmann: Auch sie bedauern, dass derzeit niemand die Menschen im Wohnheim an der Barckhausenstraße 6 besuchen darf. Foto: geo

Alle warten auf den Mittwoch

Lüneburg. Der Mittwoch ist der wichtigste Tag der Woche. Denn am Mittwoch hält der Postbote an der Barckhausenstraße 6 und bringt etliche Päckchen zu dem roten Backsteinhaus. Darauf können sich alle verlassen, entsprechend groß sind Vorfreude und Ungeduld. „Andere Zeiten erfordern andere Rituale“, sagt Stefan Kosubek. Der 35-Jährige leitet die Einrichtung für Erwachsene mit Behinderung im Roten Feld.

Die Ausnahme von der Regel fängt schon bei den Toren am Gehweg an: „Gemäß § 28 Absatz 1 Satz 1 Infektionsschutzgesetz … Besuchs- und Betreuungsverbote“, steht dort auf weißen Zetteln, und weiter unten: „Das bedeutet: Sie dürfen diese Einrichtung nicht betreten.“ Eine Regelung, die schmerzt. Weil sie auch für die Eltern der Bewohnerinnen und Bewohner gilt. Und weil das mitten in der Stadt gelegene Wohnheim üblicherweise genau anders herum funktioniert. „Ansonsten ist hier alles geöffnet“, erklärt Kosubek (35). „Wir sind eine sehr offene, familiäre Einrichtung. Bewohner und Besucher können ein- und ausgehen.“

Viel leiser als sonst

Seit fünf Wochen ist von Freiheit nur noch wenig Spur in dem Wohnheim, das zur Diakonie gehört und als „Stiftung Kühnausche Gründung“ seit 1874 existiert. „Wir haben hier schon viel erlebt. Aber so etwas noch nie.“ Das sagt eine, die es wissen muss. Katrin Arfmann arbeitet schon länger in dem Wohnheim als ihr Chef auf der Welt ist: seit 42 Jahren. „Es ist viel leiser als sonst“, erzählt die 63-Jährige. „Ansonsten schwirren unsere Bewohner überall herum.“ Verhaltensauffälligkeiten gehören in dem Haus ohnehin zum Alltag, aber derzeit sei alles ein wenig gedämpfter, sagt sie. „Weil es weniger Reize gibt und weniger Zeitdruck.“

Denn vieles, was ansonsten zum Alltag der 44 Bewohnerinnen und Bewohner gehört, fällt zurzeit aus: Niemand muss den Bus rechtzeitig erwischen, um zu einer Werkstatt der Lebenshilfe zu fahren. Keine Gruppe muss zusammengetrommelt werden, um pünktlich zum Besuch eines Museums, Kinos oder Theaterstücks zu starten. Niemand muss sich fertig machen, um zum Reiten gebracht zu werden oder zum Schwimmen. Niemand kann wie sonst mit anderen gemeinsam spazieren gehen, Gemeindebriefe verteilen oder Müll sammeln, gemeinsam einkaufen und danach zusammen backen.

Alltag der 44 Bewohner ist ein anderer

„Üblicherweise versuchen wir, dass unsere Bewohner einen möglichst normalen Tagesablauf erleben“, sagt Einrichtungsleiter Stefan Kosubek. „Natürlich fällt für sie genau wie für alle anderen vieles gerade weg, auch die sozialen Kontakte.“ Von einem Tag auf den anderen gab es die nicht mehr. „Bedürfnisse unmittelbar zu befriedigen, indem ich mir zum Beispiel eine Zeitschrift kaufe: Auch das geht gerade nicht.“ Schwieriger als bei anderen Erwachsenen sei es allerdings, die Gründe dafür zu erklären. Warum die Mitarbeiter zum Beispiel auf einmal Masken tragen und körperlich auf Distanz gehen. Warum sie nicht wie sonst mit dem Bus eine Runde durch die Stadt drehen dürfen, warum sie nicht wie immer mal eben zum Sande laufen und sich ihre Lieblingskekse kaufen können.

„Wir können ja niemanden einsperren“, sagt Kosubek. „Aber natürlich versuchen wir, unseren Bewohnern klarzumachen, dass sie so wenig wie möglich rausgehen sollten.“ Glück für die kleine Einrichtung ist, dass es auf dem Grundstück eine eigene Tagesförderstätte gibt und deren pädagogische Angebote weiterlaufen können.

Froh und dankbar ist der gelernte Krankenpfleger auch darüber, mit wie viel Ruhe, Verantwortung, Sorgsamkeit und Kreativität das Team mit der derzeitigen Situation umgeht. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verzichten auf eigene soziale Kontakte, um die Einrichtung zu schützen. Die Landfrauen und andere Initiativen spendeten selbst genähte Stoffmasken. Eltern werden über private Smartphones per Videotelefonat angerufen, und die geliebten Kekse werden derzeit eben ausnahmsweise am Bildschirm bestellt anstatt sie im lokalen Handel zu kaufen. Ein saurer Apfel, in den die Einrichtung beißt.

„Je mehr sich die Welt wieder öffnet und je schöner es für uns als Privatleute sein mag, desto gefährlicher ist es für uns als Einrichtung.“ – Wohnheimleiter Stefan Kosubek

Denn die größte Angst ist, dass das Coronavirus in das Wohnheim gerät. „Diese Sorge treibt uns permanent um, jeden Tag, natürlich auch am Wochenende“, sagt Kosubek. „Natürlich haben wir einen Notfallplan für diesen Fall.“ Ausmalen mag er sich das Szenario von Isolierung und Schutzkleidung trotzdem nicht. Denn trotz Bestellungen in Höhe von schon jetzt 6.000 Euro für Desinfektions- und Schutzmittel ist nicht abzuschätzen, wie lange die vorhandene Menge im Falle einer Infektion im Wohnheim ausreichen würde.

Wie schnell sich das Virus im Haus verbreiten würde, wie viele der älteren Bewohnerinnen und Bewohner mit Atemwegserkrankungen es das Leben kosten könnte: Mit dieser Angst leben Stefan Kosubek und sein 56-köpfiges Team derzeit permanent. Daher sieht es der Leiter der Einrichtung mit gemischten Gefühlen, wenn Lockerungen von Beschränkungen beschlossen werden. „Je mehr sich die Welt wieder öffnet und je schöner es für uns als Privatleute sein mag, desto gefährlicher ist es für uns als Einrichtung.“

Von Carolin George