Mittwoch , 23. September 2020
Werner Brandt-Lodders ist das älteste Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr Wittorf, Claas Blesse das jüngste. Foto: t&w

„So etwas vergisst man nicht“

Wittorf. Die Freiwillige Feuerwehr Wittorf wird im Sommer 150 Jahre alt. Damit gehört sie zu den drei ältesten Feuerwehren im Landkreis. Eigentlich wollten die Wittorfer Brandschützer das groß feiern – mit Zapfenstreich, Party und Spiel ohne Grenzen. Doch aufgrund der Corona-Krise musste das Fest aufs nächste Jahr verschoben werden.

Die unfreiwillige Wartezeit wird sinnvoll genutzt: Derzeit entziffert Feuerwehrmitglied Rena Rieckmann alle handschriftlich angefertigten Protokolle seit 1870, um sie ins digitale Zeitalter zu retten. Die inzwischen gut 200 Seiten starke Chronik wird spätestens zum Festakt in einer verkürzten Form veröffentlicht. Oft musste Rieckmann schmunzeln über die seit jeher feierfreudige Mannschaft, doch die meisten Einträge stimmen nachdenklich: Scheunenbrände, Verkehrsunfälle, Hochwasserkatastrophen – immer waren die Wittorfer schnell zur Stelle.

Heute zählt die Ortswehr 44 aktive Mitglieder, dazu kommen die 15 Nachwuchskräfte aus der Jugendfeuerwehr und 14 Kameraden der Altersabteilung. Zum 150. Geburtstag unterhielt sich die LZ mit dem ältesten und dem jüngsten Mitglied über die Entwicklung der Feuerwehr: Werner Brandt-Lodders (91) und Claas Blesse (10). Ein Gespräch zwischen zwei Feuerwehrgenerationen.

 

Claas, du bist gerade bei der Jugendfeuerwehr eingetreten. Was war der Grund dafür?

Claas: Ich wollte Leuten helfen, die in Not sind. Ich habe schon früher oft am Fenster gewartet, wenn Papa beim Einsatz war, und geguckt, ob die Feuerwehr vielleicht vorbeifährt – und wenn ja, bin ich rausgegangen und habe gewunken. Also bin ich mit sechs zur Handorfer Kinderfeuerwehr.

Werner: Das ist eine gute Sache. Ich denke, da lernt man Zusammenhalt und auch Respekt vor den Älteren. Das gab‘s bei uns früher nicht. Da musste man noch eine Aufnahmeprüfung machen, um bei der Feuerwehr angenommen zu werden. Mein alter Herr war dafür, dass ich beitrete – als Nachfolger. Der hatte mich vorgeschlagen. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten großen Einsatz: der Kaufhausbrand in Lüneburg. So etwas vergisst man nicht.

 

Werner ist für sein Alter topfit, auch, wenn er selbst diese Formulierung für zu übertrieben hält. Geräteturnen und Leichtathletik, Land- und Gastwirtschaft – und nebenher noch die Feuerwehr. „Sie können sich vorstellen: Das war mitunter nicht ganz einfach.“

 

Claas, hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, wie es ist, als Feuerwehrmann in ein brennendes Haus zu gehen?

Claas: Wenn man das erste Mal in so eine Situation kommt, muss man ziemlich doll aufpassen. Es wird sehr warm, nein, heiß! Und ich könnte mir vorstellen, wenn man einfach so die Tür aufmacht und losrennt, dass man dann mitten ins Feuer gerät und brennende Teile von der Decke fallen.

Werner: Ich habe das mehrmals erlebt. Es ist ziemlich genau so, wie der Junior das beschreibt.

 

Zu Werners aktiver Zeit bei der Feuerwehr gab es noch keine Atemschutzausrüstung. „Heutzutage ist eigentlich der erste Weg ins Haus, das war früher nicht so“, erklärt der stellvertretende Ortsbrandmeister Frank Fehlhaber.

 

Claas: Wie sah eigentlich damals die Kleidung aus?

Werner: Da gab es nur eine Jacke und einen schweren Stahlhelm, zum Teil noch aus Wehrmachtsbeständen. Den Rest musste man selbst mitbringen. Wir hatten damals auch noch gar keine Motorpumpen. Da musste die Bevölkerung pumpen. Das war immer interessant, man brauchte ja Freiwillige. Aber eigentlich haben sich immer junge Leute gefunden, meistens Jungs.

Claas: Das würde heute nicht mehr funktionieren, schätze ich. Denen wird das heute alles zu anstrengend.

 

Herr Brandt-Lodders, hat Sie die Feuerwehr als Mensch verändert?

Werner: Ich muss sagen, ich habe mich damals verpflichtet gefühlt, zur Feuerwehr zu gehen. Das war ein Muss, kein Spaß. Mein alter Herr wollte das so, da gab es keine Widerworte. Das Pflichtbewusstsein ist noch immer da, aber auch Interesse: Wenn heute die Feuerwehr ausrückt, bin ich noch immer der Erste, der nachschaut, wohin die Fahrt geht. Übrigens erkenne ich in der Feuerwehr eine Organisation, die anderen Vereinen überlegen ist.

 

Warum?

Werner: Zusammenhalt und Kameradschaft.

Claas: Das bedeutet, dass nicht einer den anderen sitzenlässt, man arbeitet zusammen. Ich finde es gut, dass man hier von den anderen auch mal angestupst wird: „Versuch das doch mal!“ Es wird nicht langweilig, die anderen bringen einem viel bei.

Werner: Bei der Feuerwehr ging es auch immer schon zackig zu, das imponierte mir.

 

Claas, geht es bei der Jugendfeuerwehr streng zu?

Claas: Nö, aber wir haben immer einen Plan. Wenn allerdings schlechtes Wetter ist, dann spielen wir auch einfach nur drinnen. Ich habe gelernt, dass man immer mit Respekt an die Sache gehen muss. Wenn zum Beispiel ein Hund irgendwo festhängt, sollte man aufpassen, dass er nicht kratzt oder beißt. Es kann viel passieren.

Werner: Stimmt! Ich habe immer Glück gehabt bei all meinen Einsätzen.

Von Anna Petersen