Lars Biermann (l.) hat André Fichter mit aufs Feld genommen, um ihm zu zeigen, wie man Spargel sticht. (Foto: George)

Ernten statt kochen

Oerzen. Kartoffeln hat er schon gerodet und Rüben, André Fichter hat viel und hart gearbeitet in seinem Leben. „Das hier aber ist neu für mich“, sagt der Mann mit dem Schlapphut, als er morgens gegen 8 Uhr am Rand eines Feldes voller Dämme steht, die mit Folien bedeckt sind. Der Koch aus dem Landkreis Lüneburg ist auf Kurzarbeit und will sich etwas dazuverdienen: bei der Spargelernte. Damit ist der 44-Jährige nicht allein in Niedersachsen.

André Fichter wohnt im Nachbarort Embsen und kennt den Hof Biermann aus Oerzen, weil sein Arbeitgeber dort seit Jahren den Spargel für sein Restaurant bezieht. Und da zurzeit niemand weiß, wann es dort weitergeht, will Fichter nun das Gemüse mit ernten und waschen anstatt es zu kochen.

Es ist ein kleiner Betrieb, der Spargelhof Biermann in Oerzen, etwa 15 Hektar bewirtschaftet die Familie. Zum Vergleich: Lüneburgs größter Spargelhof Strampe hat rund 70 Hektar, „Spargelkönig“ Thiermann in Kirchdorf zwischen Hannover und Bremen 500 Hektar. Entsprechend kleiner ist bei Familie Biermann auch der Unterschied zwischen der üblichen Anzahl an Saisonkräften und der in diesem Jahr. „Wir haben eine Stammmannschaft aus Rumänien und Polen, die seit vielen Jahren zu uns kommt“, sagt Hans-Heinrich Biermann (61). „Wir hatten Glück und haben fünf von ihnen herbekommen. Aber vier fehlen.“ Für die fünf, die da sind, mussten die Biermanns Wohncontainer und ein Haus im Dorf anmieten, damit niemand in einem Doppelzimmer schläft. „Die Kosten sind wesentlich höher. Das wird spannend, dieses Jahr.“

Viele ehrenamtliche Helfer

Sohn Lars (30) hat Versicherungskaufmann gelernt und lässt sich während der Spargelsaison freistellen, sein Bruder Ulf (25) ist Immobilienkaufmann und sattelt zurzeit zum Landwirt um, denn die Jungs wollen den Betrieb fortführen, mehr in Richtung Hofladen machen – doch das ist Zukunftsmusik. Jetzt hat Lars Biermann erst einmal ein Schild an der Tür aufgehängt: „Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Lösungen.“ Für die Biermanns bedeutet das nicht nur mehr Wohnraum für weniger Ernte-helfer, den Einkauf unzähliger Gummihandschuhe und Desinfektionsmittel, den Aufbau von Plexiglaswänden und der Investition für Geräte zum kontaktlosen Bezahlen. Es bedeutet auch, dass es an den Spargelständen keine Schälmaschinen gibt.

„Wir haben unheimlich viele Anfragen von Leuten, die einen Job brauchen, um etwas Geld zu verdienen.“ – Lars Biermann , Spargelhof Biermann

„Gerade junge Leute kaufen nur noch geschälten Spargel“, erzählt Lars Biermann. „Aufgrund der Hygiene haben wir uns aber entschieden, ausschließlich auf dem Hof eine Schälmaschine einzusetzen.“ Und die fehlenden Arbeitskräfte? „Das ist so eine Sache“, sagt Hans-Heinrich Biermann. „Wir haben unheimlich viele Anfragen von Leuten, die einen Job brauchen, um etwas Geld zu verdienen. Wir haben auch unheimlich viele Angebote von Leuten, die uns ehrenamtlich helfen wollen. Die Arbeit auf dem Feld unterschätzen die meisten aber. Oder sie können nur an zwei Tagen in der Woche und wollen feiertags nicht arbeiten. Das ist nicht so einfach, wir brauchen eine feste, verlässliche Truppe.“

Im Verkauf hilft gerade Emily Völz (18), sie kommt aus dem Dorf und musste ihren Bundesfreiwilligendienst beim Goethe-Institut in Freiburg unterbrechen. Beim Sortieren hilft eine Frau, die ansonsten als Tagesmutter arbeitet; nochmal etwa zehn Frauen und Männer jobben beim Schälen und im Verkauf. Es sind Schüler, Studenten und viele Kurzarbeiter aus der Gastronomie wie André Fichter. Wenn es nach dem Koch geht, würde er am liebsten mit raus aufs Feld. „Aber ich gehe auch zum Waschen“, sagt er, „Hauptsache, ich kann arbeiten.“

Das System schließt eine Infektion aus

Männer wie André Fichter gibt es in Niedersachsen derzeit etliche, sagt Fred Eickhorst. Der gelernte Gärtner ist Geschäftsführer der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer Niedersachsen. „Köche sind an harte körperliche Arbeit und Schichtdienste gewöhnt. Mit ihnen klappt es in vielen Betrieben gut.“ Das Infektionsrisiko allerdings sei bei den Erntehelfern aus Osteuropa wesentlich geringer: Sie werden in Kleinstgruppen an den Flughäfen abgeholt und bleiben für 14 Tage in Quarantäne, gehen nicht einkaufen und auch ansonsten nicht weg vom Hof. Eickhorst: „Das System schließt eine Infektion aus.“

Der Branchenvertreter ist froh über die Lösung, dass Ernte­helfer nach Niedersachsen kommen können – auch wenn die Kosten höher sind als sonst. Gleichzeitig rechnet er in diesem Jahr mit einer wesentlich geringeren Erntemenge als üblich. Denn 32 Prozent der Ernte verkaufen die Bauern an Großküchen und die Gastronomie – dieser Bereich fällt in diesem Jahr voraussichtlich weg. „Viele Betriebe fahren daher nicht auf 100 Prozent“, weiß Eickhorst. „Sie legen Folien gar nicht erst auf oder nehmen sie nicht herunter. Ich schätze, wir werden in diesem Jahr 70 Prozent nicht überschreiten.“

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Zur Sache

Beliebtes Gemüse

Mit 4844 Hektar Anbaufläche ist Spargel die flächenstärkste Kultur im niedersächsischen Gemüseanbau. Zu den Zentren des Anbaus gehören die Regionen rund um Hannover, Nienburg, Lüneburg und Uelzen. Laut Landesamt für Statistik wurden im vergangenen Jahr in Niedersachsen 28 073 Tonnen Spargel geerntet.

Die Landwirtschaftskammern haben für die Vermittlung von Saisonkräften eine Agrarjobbörse eingerichtet. Dort können Betriebe nach Erntehelfern suchen und
umgekehrt. Binnen weniger Tage hatten sich bereits 1700 Menschen angemeldet. Ern-tehelfer erhalten den gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 9,35 Euro pro Stunde. Begonnen hat die Spargel-ernte in ganz Niedersachsen Ende März. Die Saison endet am Johannistag, 24. Juni.

Von Carolin George