Sonntag , 27. September 2020
Für Jürgen Wilcke und seine Frau Birgit wäre jetzt eigentlich Hochsaison. Doch derzeit können sie mit ihrem Fahrgastschiff keine Touren machen. (Foto: t&w)

Stillstand auf der Elbe

Artlenburg. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein: perfektes Wetter für eine Schiffsfahrt auf der Elbe. Doch seit Mitte März liegt die „Lüneburger Heide“ hier in Artlenburg vor Anker, darf wegen der Corona-Pandemie nicht mehr fahren. Seit 1988 betreibt Reeder Jürgen Wilcke sein Fahrgastschiff, seit 2001 ist seine Frau Birgit Wilcke an seiner Seite. Eigentlich ist für die Wilckes momentan Hochsaison: Ende März wäre es bei ihnen mit den Charterfahrten losgegangen, der Betrieb brummt in der Regel an Ostern, ein großes Geschäft sind die Konfirmationen, der Kurs Elbe.Tag.

All das fällt in diesem Jahr flach, ebenso der Hafengeburtstag in Hamburg. Jürgen Wilcke: „Das ist für uns der erste große Bringer im Jahr, neben Silvester und den Cruise Days. Die Cruise Days finden nur alle zwei Jahre statt, zum Glück nicht in diesem.“

Die Fahrten zum Hafengeburtstag sind immer bereits Monate im Voraus ausverkauft, die Tickets haben Wilckes schon zurückerstattet.

Bitter für den Familienbetrieb, der nun weitestgehend von Rücklagen lebt. 16 Tage nachdem sie den Antrag gestellt hatten, waren 3000 Euro Soforthilfe auf dem Betriebskonto. Ein Tropfen auf den heißen Stein bei den hohen Fixkosten.

Hoffnung auf den Mai

Nun heißt es Warten. Auf einen Fahrplan der Regierung, wie die Wilckes sagen. Denn es ist die Ungewissheit, die sie verrückt macht.

„Wir hoffen sehr, dass wir ab Mitte Mai wieder fahren dürfen, eventuell mit reduzierter Gästeanzahl. Je länger der Stillstand andauert, desto größer werden unsere Sorgen“, erklärt Jürgen Wilcke. „Wir bräuchten einen Zeitplan, um uns vorbereiten zu können. Wir können ja nicht von einem auf den anderen Tag einfach loslegen, wir müssen einkaufen, Werbung machen, unsere Mitarbeiter müssen sich um die Kinderunterbringung kümmern, wir müssen schauen, je nach Auftragslage, ob wir Mini-Jobber brauchen und wie wir an diese kommen.“

Grundsätzlich sei es auf dem Schiff möglich, Abstand zu halten, Hygienemittel zur Verfügung zu stellen, Plexiglasvorrichtungen anzubringen.

Birgit Wilcke ärgert sich darüber, dass zum Beispiel Bekleidungsgeschäfte wieder öffnen dürfen, während sie immer noch auf heißen Kohlen sitzen. „Diese Widersprüchlichkeit bringt mich auf die Palme. Wie können denn beim Anprobieren von Kleidung irgendwelche Hygienestandards gewahrt werden dieser Tage? NRW denkt sogar darüber nach, Ikea wieder zu öffnen. Föderalismus schön und gut, aber es geht doch auch nicht an, dass hier jeder sein eigenes Süppchen kocht,“ findet die gebürtige Bayerin Birgit Wilcke. Kompliziert wird es vor allem, weil die „Lüneburger Heide“ vier Bundesländer passiert: Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg.

Selbst wenn das Ausflugsschiff bald wieder fahren sollte, die großen Aufträge sind dahin: Viele Vereine und Firmen, die gebucht hatten, haben Ausflüge bis auf Weiteres gestrichen, teilweise bis zum Ende des Jahres.

Zeit wird für Wartungsarbeiten genutzt

Die Wilckes beschäftigen ganzjährig einen Matrosen in Vollzeit und drei Servicekräfte in Teilzeit. Für die haben sie nun Kurzarbeit anmelden müssen, stocken aber auf, denn die Wilckes wissen: „60 Prozent zahlen keine Miete.“ Die Belegschaft habe sich auf den Start gefreut, man sei ein eingespieltes Team. „Und auch das Trinkgeld fehlt natürlich.“

Wie bei vielen anderen Unternehmen werden bei der „Lüneburger Heide“ jetzt Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten vorgezogen.

An Erholung sei nun gerade wirklich nicht zu denken, in dieser ernsten Lage.

„Wir sind zu jung, um zu sagen ,nach uns die Sintflut‘, haben uns einen guten Namen gemacht. Für uns heißt es jetzt kämpfen“, sagt Jürgen Wilcke entschlossen.

Nach dem Ende des Gesprächs rufen Wilckes noch einmal an: Soeben haben sie erfahren, dass in Berlin demnächst wieder Veranstaltungen mit bis zu 50 Personen erlaubt sind, auch das Outlet-Center Soltau öffnet wieder. Für das Ehepaar ein kleiner Silberstreif am Horizont.

Von Lea Schulze