Montag , 21. September 2020
Mit der Aktion „Stunde der Rücksicht“ für Corona gefährdete Mitbürger will die Sonderpostenkette Jawoll auch ihr Image aufpolieren. Foto: t&w

Die etwas andere Einkaufs-Stunde

Lüneburg. Sie gelten als Risikogruppe und ihnen wird empfohlen, möglichst Zuhause zu bleiben und soziale Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren: Gerade für Senioren und Menschen mit Vorerkrankungen sind viele Alltagsdinge in Corona-Zeiten zu einem schwierigen Abwägungsprozess geworden – so zum Beispiel auch das Einkaufen. Speziell für diese Kundschaft schaffen immer mehr Geschäfte besondere Angebote: So wie jetzt die Sonderpostenkette Jawoll. Dort darf am morgigen Donnerstag für eine Stunde nur ein ganz bestimmter Personenkreis einkaufen – eben jene Kunden, die angesichts der Corona-Pandemie besondere Vorsicht in der Öffentlichkeit walten lassen müssen.

Dabei hat der Markt den Begriff der Risikogruppe relativ weit gefasst: Zutritt haben am Donnerstag von 8 bis 9 Uhr laut jüngstem Prospekt nur Menschen ab 50 Jahren, dazu welche mit körperlichen Beeinträchtigungen oder risikoreichen Vorerkrankungen. Die übrige Kundschaft werde gebeten, die Bardowicker Filiale für diese eine Stunde frei zu halten, heißt es weiter. Das ist bereits die zweite Aktion dieser Art, erklärt Jawoll-Sprecher Hans-Peter Schirza. „Vor drei Wochen haben wir das bereits einmal gemacht und ein sehr gutes Feedback erhalten“. Befürchtungen des Personals, dass andere Kunden eine Zurückweisung nicht akzeptieren würden, hätten sich nicht bestätigt: „Das hat gut geklappt, es gab keinen Stress.“

„Stunde der Rücksicht“

Jawoll will mit Aktionen dieser Art auch weg vom Billig-Image und soziale Verantwortung übernehmen. „Wir hatten überlegt, was wir in dieser besonderen Pandemie-Situation anbieten können. Und so entstand die Idee, älteren Menschen die Möglichkeit zu geben, in Ruhe einzukaufen“, schildert Schirza. Denn gerade diese Personengruppe zähle oftmals zu den Verlierern der jüngsten „Hamsterkäufe“, so die Erfahrung. „Es gab unter ihnen viele Leute, die zum Beispiel beim Toilettenpapier letztlich leer ausgegangen sind.“ Nun seien die Regale wieder gut gefüllt und niemand werde getrieben. Bei der ersten „Stunde der Rücksicht“, wie die Aktion überschrieben ist, seien nur rund ein Dutzend Kunden gekommen, „aber es war ja auch genau unser Ziel, dass es da nicht so voll ist und die Leute sich nicht gedrängt fühlen“. Als „Extra“ sollen in dieser Einkaufsstunde alle Menschen eine kostenlose Atemschutzmaske erhalten, denn auch die sei ja nicht unbedingt für jedermann problemlos zu bekommen.

In Niedersachsen sind solche Aktionen wie die „Stunde der Rücksicht“ für die Sonderpostenkette realisierbar, weil die Märkte in vollem Umfang geöffnet sein dürfen. Doch das ist nicht überall so, schildert Sprecher Schirza: „Das ist von Bundesland zu Bundesland, und manchmal sogar zwischen den verschiedenen Landkreisen ein ziemlicher Flickenteppich.“ So müssten die Jawoll-Märkte in Bremen aktuell noch geschlossen bleiben, „die Menschen fahren dann in die nächste niedersächsische Filiale, die ja nur wenige Kilometer entfernt ist“. Vergangenen Freitag habe man erfahren, dass in Sachsen seit dieser Woche Maskenpflicht herrscht, „das war dann auch nochmal eine logistische Herausforderung“. Und bis vor wenigen Wochen durften ja bekanntlich in Uelzen und Dannenberg ein Kunde pro zehn Quadratmeter Verkaufsfläche eingelassen werden, während der Landkreis Lüneburg in einem Alleingang die doppelte Quadratmeterzahl plus spezielle Einkaufswagen-Regelung anordnete . Doch auch das ist mittlerweile schon Geschichte. Und so kann die „Stunde der Rücksicht“ jetzt landesweit stattfinden.

Von Thomas Mitzlaff