Samstag , 15. August 2020
„Zuhören ist ein guter Anfang“, findet Vassilis Tsianos. Institutioneller Rassismus darf nicht unter den Tisch gekehrt werden. Foto: Matthias Pilch

„Du willst vergessen, verschweigen, verdrängen“

Lüneburg. Der Soziologieprofessor Vassilis Tsianos (50) hat selbst erfahren, wie schmerzhaft Rassismus sein kann. Nach seiner Geburt in Deutschland verbrachte er 18 Jahre in Griechenland und kam dann zurück. Ab diesem Zeitpunkt war er gezwungen, sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen – und begann dies vor zehn Jahren, als das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin erschien, auch aus wissenschaftlicher Sicht zu tun. In den Lüneburger Wochen gegen Rassismus, die dem Coronavirus zum Opfer gefallen sind, wollte er über Institutionellen Rassismus sprechen und den Lüneburgern zeigen, was man dagegen tun kann.

Herr Tsianos, was versteht man unter Institutionellem Rassismus?
Durch Institutionellen Rassismus wird Alltagsrassismus normalisiert und institutionell verfestigt. Dies geschieht häufig unbewusst. Regeln und Vorschriften in einer Institution führen dazu, dass bestimmte Gruppen immer wieder ausgegrenzt und benachteiligt werden. Nehmen wir das Beispiel Schule: Wie gehe ich damit um, wenn eine Lehrerin einer Schülerin verbietet, ihr Kopftuch zu tragen? Ich muss das als eine rassistische Praxis bezeichnen und verfolgen und darf sie nicht normalisieren und erst recht nicht rechtfertigen, im Sinne des pädagogischen Auftrags der Lehrerin gegenüber ihrer Schülerin. Wenn mir das nicht gelingt, liegt ein klassischer Fall von Institutionellem Rassismus vor: Es ist die Unfähigkeit, Rassismus als solchen anzuerkennen.

In welchen Institutionen in Deutschland findet man diese Form von Rassismus?
Für mich gibt es drei große Bereiche: Schule, Polizei und Wohnungsgesellschaften. Ein großes Thema ist das Racial Profiling, also polizeiliche Kontrollen, die auf das Aussehen der Menschen zurückzuführen sind. Wenn man mit Personen schwarzer oder brauner Hautfarbe, also People of Color, redet, fällt auf, dass es bei ihnen eine überdurchschnittliche Präsenz des Racial Profilings gibt, im Vergleich zu anderen ethnischen Gruppen. Fünfmal mehr als bei Türken, Griechen, Kurden oder Kroaten. Aber auch in anderen Institutionen kann es zu Ausgrenzung, Marginalisierung oder Formen der Benachteiligung kommen.

Welche Rolle spielen persönliche Einstellungen beim Institutionellen Rassismus?
Keine große Rolle. Nicht jeder Polizist, der an einem Racial Profiling beteiligt ist, ist ein Rassist. Es gibt ja auch Personen mit Migrationshintergrund, die bei der Polizei arbeiten. Auch ihnen passiert das. Und meistens fällt es ihnen selbst gar nicht auf. Genau das macht Institutionellen Rassismus aber auch so schwer zu fassen: Die Mehrheitsgesellschaft ist darin verwickelt ohne dies zu beabsichtigen. Sie sind deshalb aber auch nicht imstande, ihn zu erkennen und darauf zu reagieren. Das geht erst, wenn die Betroffenen es schaffen, darüber zu sprechen.

Warum ist es für die Betroffenen so schwer, darüber zu reden?
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es nicht angenehm ist, darüber zu sprechen. Wenn du das erste mal mit Rassismus konfrontiert bist, neigst du dazu, es zu verharmlosen. Du willst vergessen, verschweigen, verdrängen. Rassismus fühlt sich kalt an, man redet nicht gerne darüber. Man sucht den Grund immer zuerst bei sich: Spreche ich zu schlecht Deutsch? Bin ich komisch angezogen? Sehe ich anders aus? Das ist anstrengend und es tut sehr weh, dass man von niemandem verstanden wird. Denn dazu kommt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Rassismus verboten ist. Keine öffentliche Instanz kann sich den Vorwurf erlauben, sie sei rassistisch. Wenn also jemand versucht, einen Nachweis für Institutionellen Rassismus zu erbringen, gibt es zwei Strategien, um das abzuwenden. Die Strategie der Verharmlosung, nach dem Motto ‚Das war nicht so gemeint, so etwas würde bei uns nie passieren‘, oder die Strategie der Dethematisierung, nach dem Motto ‚Das ist einmal passiert, aber das ist nicht systematisch‘.

Was kann man gegen Institutionellen Rassismus tun?
Ich glaube das elementarste ist, dass wir uns alle dafür sensibilisieren und zuhören. Wir dürfen den Betroffenen nicht das Gefühl geben, dass sie Halluzinationen haben. Zudem müssen wir die Möglichkeiten, die unsere Gesellschaft schon bietet, ausweiten: Wir haben ein Antidiskriminierungsgesetz, eine Diskriminierungsbeschwerdestelle, Gleichstellungs- und Inklusionsgremien. Diese Institutionen müssen wir stärken und sie innerhalb von Polizei, Verwaltung und Schulen etablieren. Betroffene sollten zudem den Mut aufbringen, den Gang zu diesen offiziellen Stellen anzutreten. Zeugen von Institutionellem Rassismus sollen in erste Linie Zeuge statt Ankläger sein und darauf aufmerksam machen, was sie beobachtet haben.

Von Lilly von Consbruch