Sonntag , 27. September 2020
Lüneburger Einzelhändler, wie Anna-Lena und Andre Elfers, bereiten sich auf die Wiedereröffnung am Montag vor. (Foto: t&w)

Zwischen Freude und Skepsis

Lüneburg. „Montag, noch nie habe ich mich so sehr auf Dich gefreut.“ Als Anna-Lena und Andre Elfers das Schild vor ihrem Geschäft an der Grapengießerstraße aufstellen, lächeln die vorbeigehenden Passanten. Ein kleines Stück Normalität kehrt nächste Woche zurück in die Lüneburger Innenstadt. Am Montag dürfen viele Läden, die noch geschlossen sind, wieder öffnen, wenn auch unter Einschränkungen. Doch wie viele werden es tun? Und wie genau sehen die Auflagen aus? Es gibt viele Fragen, das wissen auch die Geschwister Elfers, die unter anderem das Modegeschäft „Trendholder“ betreiben. Doch trotz aller Unwägbarkeiten sind beide mit Freude bei den Vorbereitungen: „Endlich können wir wieder etwas tun.“

Bis zu 800 Quadratmeter Verkaufsfläche sind erlaubt, der weitaus größte Teil der Geschäfte in der Lüneburger Innenstadt ist deutlich kleiner. Doch auch die „Großen“ der Branche dürfen ab Montag wieder ihre Türen öffnen, sie müssen sich aber eben auch auf 800 Quadratmeter beschränken. Doch wie praktikabel das ist – das versucht jeder Betrieb für sich herauszufinden.

Schulungstermine für die Mitarbeiter

Auf jeden Fall wieder persönlich für ihre Kunden da sein wollen ab Montag Claudia und Cornelius Schnabel. Die Mitarbeiterinnen haben bereits Mund- und Nasenschutz genäht, ein knallrotes Kordelband für die Wartenden ist aufgespannt. 200 Quadratmeter Verkaufsfläche hat das Schuhgeschäft an der Bardowicker Straße, aufgrund der Abstandsregelungen werden sich nur eine Handvoll Kunden im Laden aufhalten dürfen. Für die Schnabels wirft das viele Fragen auf. Wie will man verhindern, dass die Warteschlange vor der Tür mehr als die zehn erlaubten Personen umfasst? Wie genau lauten eigentlich die Hygienevorschriften? Laut „Corona-Verordnung“ muss es im Geschäftsraum einen Abstand von zwei Metern zwischen jeder Person geben. Doch wie praktikabel ist das in einem Schuhgeschäft, in dem die Verkäuferinnen mit Rat und auch Tat zur Seite stehen? Cornelius Schnabel hat zunächst für Samstag zwei Schulungstermine für die Mitarbeiter anberaumt, in denen all diese Problematiken erörtert werden sollen.

Viele Unwägbarkeiten also, bevor man sich mit dem eigentlichen Kerngeschäft, dem Verkauf von Schuhen, beschäftigen kann. Und dass dort nicht die regulären Umsätze erzielt werden können, ist den Schnabels völlig klar. „Wirtschaftlich wird das ein katastrophales Jahr“ sagt der Inhaber. Die Bedarfsplanung in seiner Branche wird ein halbes Jahr im Voraus erstellt. Und so sind zum einen die Lager voll mit Waren, die komplett bezahlt werden müssen, von denen man aber nicht weiß, wie viele davon noch verkauft werden können. Und zum anderen wird viele neue Ware gar nicht mehr in Lüneburg ankommen, da mittlerweile die Lieferketten aus dem Ausland unterbrochen sind.

Über all diesen ungeklärten Fragen steht aber die Frage, ob die Kundschaft überhaupt kommen wird, wie sie reagiert auf die veränderten Bedingungen. „Wir leben ja vom Einkaufserlebnis und dem persönlichen Gespräch“, verdeutlicht Claudia Schnabel. Das Kundenverhalten sei aber letztlich ein Blick in die Glaskugel.

Diese Formulierung treffe den Nagel auf den Kopf, sagt Eberhard Wedler, Chef der Lüneburger Karstadt-Filiale. Für ein Kaufhaus seiner Größenordnung ist es eine besondere logistische Herausforderung, Vorgaben wie eine Verkaufsfläche von nur 800 Quadratmetern umzusetzen. Klärungsbedarf hat Wedler angesichts der Größe des Konzerns auf verschiedensten Ebenen. Ziel aber sei es, zu öffnen. „Ob wir das morgens gleich um 9 Uhr hinbekommen, werden wir sehen“. Die Fläche, auf der die Kunden sich aufhalten dürfen, sei nun mal begrenzt. „Da kann es schon mal sein, dass man etwas warten muss, bis die gewünschte Ware gebracht wird“. Nach dem Vorbild der Supermärkte ist eine Überlegung, den Kunden Einkaufskörbe mitzugeben, um so den Überblick über die nur begrenzt erlaubte Personenzahl zu haben, erklärt Wedler.

Nicht alle Geschäfte wollen öffnen

Anderen Lüneburger Unternehmern ist eine Öffnung mit zu vielen Unwägbarkeiten verbunden. So wird Roy Robson seine Filiale am Marktplatz vorerst nicht öffnen. „Wir haben das intensiv diskutiert. Aber letztlich denken wir, dass zum einen die Frequenz zu gering und zum anderen der Aufwand deutlich zu hoch ist“, sagt Geschäftsführerin Leonie Westermann. Das ins Geschäft integrierte Bistro müsse ja geschlossen bleiben, entsprechend reduziert ist die Mitarbeiterzahl, und das auf zwei Ebenen. Dazu der womöglich höhere Personalaufwand durch die Kontrolle der Einlassbeschränkungen. Und nicht zuletzt sei der Ausstatter ja besonders gefragt für die Einkleidung bei größeren Veranstaltungen – diese gibt es aber derzeit nicht, somit bleibt diese Kundschaft aus. „Wir hoffen jetzt, bald auch das Bistro öffnen zu dürfen“, sagt Westermann.

Im „Trendholder“ gehen die Vorbereitungen für den „schönsten Montag seit Langem“ derweil voran. Bei einem örtlichen Tischler wurden in Eiche gefasste Plastikabtrennungen für die Kasse geordert, in der Gruppe der „jungen Lüneburger“ hat sich Andre Elfers informiert, wie andere Betriebe die Hygienemaßnahmen umsetzen. Problematisch sei derzeit noch die Organisation der Kinderbetreuung für die Mitarbeiterinnen. Und in den Umkleiden hat Anna-Lena Elfers an die Spiegel eine Botschaft für die Kunden geschrieben: „Ihr unterstützt alle Holdies – danke!“

Von Thomas Mitzlaff