Donnerstag , 24. September 2020
Annette von Bismarck-Osten und Joachim Peper haben viel Herzblut in die Renovierung des Gasthauses in Natendorf gesteckt. (Foto: phs)

Gasthaus-Neueröffnung in Natendorf: Dornröschen ist erwacht

Natendorf. Das Dornröschen von Natendorf war alt und nikotingelb. Die Zigaretten, das viele Bier, die zahlreichen langen Nächte – sie hatten ihre Spuren hinterlassen. Die Rede ist vom alten Gasthaus des 400-Einwohner-Dorfes im Landkreis Uelzen. Nachdem der letzte Wirt vor mehr als 20 Jahren gegangen war, blieb die Zeit in dem Gemäuer stehen. Dornröschen schlief tief und fest mitten im Ort – und lange schien es, als würde das auch genau so bleiben.

Denn Kneipen und Gasthäuser haben es auf dem Land nicht leicht. Die Suche nach einem Nachfolger für den Knochenjob hinter dem Tresen endet oft erfolglos – Schließungen reißen vielerorts ein tiefes Loch in die Dorfkultur. Doch inmitten des „Kneipensterbens“ hat das Herz der Natendorfer Schänke vor zwei Jahren wieder zu schlagen begonnen.

Die Wände sind jetzt nicht mehr gelb, sondern blau. Geraucht wird vor der Tür und aus den langen Nächten sind frühe Abende geworden – dafür beleben jetzt auch Kinder und hin und wieder sogar Musiker das Haus an der Golster Straße. Ehrenamtlich standen die Natendorfer und ihre Nachbarn bis zur Corona-Krise jeden Freitag von 18 bis 22 Uhr hinter dem Tresen, um das dörfliche Miteinander wieder in Schwung zu bringen. Das werden sie irgendwann auch wieder tun, denn erst vor Kurzem hat sich ein Verein gegründet, der den Treffpunkt auch formal für die Zukunft absichern soll.

Alte Wandbemalung wiederhergestellt

Der Prinz in diesem Märchen ist Annette von Bismarck-Osten. „Beim Brötchenkauf in Natendorf kam ich am Gasthaus vorbei – und dachte auf einmal: Das kann doch nicht wahr sein! Da liegt so etwas einfach vor uns, das könnten wir doch nutzen“, erinnert sich die Architektin. Kurz zuvor hatte sie von einer Initiative in Süddeutschland gehört, die sich zum Ziel gesetzt hatte, ein Gasthaus ehrenamtlich wieder in Schuss zu bringen. Und so trommelte sie Freunde und Bekannte zusammen, die das Vorhaben für Natendorf gemeinsam ins Rollen brachten.

Ein nervenaufreibendes Unterfangen: Die Räume wurden zuletzt als Lager genutzt. „Bücher – bis unter die Decke. Ein einziges Gestapel“, beschreibt Annette von Bismarck-Osten den Zustand. Das Team organisierte einen Flohmarkt, wusch die Nikotinspuren von der Decke, flickte Löcher im Holzfußboden, reparierte den Tresen, riss mehrere Lagen Tapete von den Wänden. Dabei kam auch eine alte Wandbemalung zutage. Die musste natürlich ausgebessert werden – in stundenlanger Kleinarbeit.

Handwerksfirmen aus der Gegend unterstützten sie mit Material und Know-how, aber den Großteil der Arbeiten erledigten die Natendorfer selbst. „Und irgendwann begriffen auch Zweifler: Das ist ja doch keine Schnapsidee.“ Annette von Bismarck-Osten und ihre Vereinskollegen denken gern an diese Zeit zurück. „Diese ganze Energie und Wärme, die in das Projekt geflossen ist, hat uns immer wieder angetrieben.“ Und der Erfolg gab ihnen Recht: Nach der Eröffnung im Frühjahr 2018 nahmen jeden Freitag viele Menschen aus der Umgebung an sonnigen Tagen an den langen Tischen vor der Tür Platz, manch einer lud auch seine Kartenspielrunde ins neue „Gasthaus ohne Linde“ ein oder versackte auf dem berüchtigten Ecksofa aus alten Zeiten.

Auch der frühere Clubraum im Gasthaus wurde renoviert

Immer wieder luden die Initiatoren auch Künstler ein – Profis, und solche, die es noch werden wollen. Märchen wurden erzählt, Bücher vorgestellt, Feste gefeiert. Finanziert wird das Projekt überwiegend über Getränkespenden. Wer sich freitags im Gasthaus bedienen lässt, wirft in den Korb, was er für angemessen hält. „Bis jetzt läuft das gut“, berichtet Kassenführerin Christine von Schnurbein. Die Einnahmen decken die Ausgaben für Getränke und laufende Kosten.

Wie sie allerdings die Corona-Pandemie finanziell überstehen werden, steht noch in den Sternen. Christine von Schnurbein hofft, dass bald viele Menschen aus der Region dem neu gegründeten Verein „Gasthaus ohne Linde“ beitreten werden, um das Projekt mit ihrem Mitgliedsbeitrag zu unterstützen.

Inzwischen haben sie und die anderen aktiven Mitstreiter in einer zweiten Großaktion auch den früheren Clubraum im Gasthaus renoviert. Wieder wurde wochenlang gespachtelt und gehämmert, Tapete musste von den Wänden gekratzt und die Decke aufwendig abgehängt werden. Damit wollen sie Platz für neue Ideen und Gesichter schaffen: „Wirklich jeder kann hierherkommen und jemanden mitbringen“, sagt Annette von Bismarck-Osten – und meint damit auch die Lüneburger Nachbarn. Über besondere Veranstaltungen informiert der Verein regelmäßig auf seiner Internetseite: www.gasthausohnelinde.de.

Von Anna Petersen