Samstag , 24. Oktober 2020
Hans-Georg Grzenia mit seiner Frau Isabel. Foto: privat

Bestatter stoßen an ihre Grenzen

Guayaquil/Lüneburg. Keine Stadt in Lateinamerika ist so hart vom Coronavirus betroffen wie die Hafenstadt Guayaquil in Ecuador. Spezialeinheiten der Polizei rückten laut Medienberichten zuletzt aus, um Hunderte von Verstorbenen abzuholen und beizusetzen. In der Millionenstadt lebt der Lüneburger Hans-Georg Grzenia mit seiner Frau Isabel, das Paar ist vor gut eineinhalb Jahren nach Ecuador ausgewandert.

Wie erleben Sie derzeit die Si­tuation in Guayaquil?
Hans-Georg Grzenia: Wir halten uns an die Anweisungen und bleiben zu Hause (Quedate en casa – wie es hier so schön heißt). Vom Balkon hört man die Ambulanzwagen mit Sirenen in den Straßen um uns herum, ab und an sieht man auch einen Pick-Up, mit einem Leichenkarton hinten drauf, vorbeifahren.

Gibt es eine Ausgangssperre?
Ja, die Ausgangssperre herrscht schon lange und wird immer wieder nachjustiert, sprich verschärft. Erst galt sie von 19 Uhr bis 5 Uhr, dann nur für Guayaquil – da hier ja der Hotspot der Coronakrise Ecuadors ist – von 14 Uhr bis 5 Uhr und nun gilt das ausnahmslos für ganz Ecuador. Erst durften die Autos und Motorräder mit den ungeraden Endnummern Montag, Mittwoch und Freitag fahren, die mit geraden Endnummern Dienstag, Donnerstag und Samstag. Das wurde ebenfalls verschärft und nun darf man nur noch einmal pro Woche sein Auto benutzen. Montag die Endziffern 1 und 2, Dienstag 3 und 4, Mittwoch 5 und 6, Donnerstag 7 und 8, Freitag 9 und 0. Am Wochenende gibt es keinen Autoverkehr. Es herrscht gespenstische Ruhe, unterbrochen von den Sirenen der Ambulanzen, Polizei, Feuerwehr und Militär. Zu Beginn der Sperrstunden fahren Konvois von Polizei oder auch Militär durch die Straßen. Meistens fünf Motorräder mit zwei Polizisten bestückt vorweg und danach nochmals zwei bis drei Polizeiwagen, in besonderen Fällen gefolgt von einem Mannschaftswagen.

Sind alle Geschäfte, Unternehmen und Einrichtungen geschlossen?
Das kann nicht so pauschal beantwortet werden. Geöffnet haben die Supermärkte, Apotheken und teilweise auch Banken sowie der Kaufmannsladen (tienda de barrio) um die Ecke. Laden ist gut gesagt, es handelt sich meistens um einen garagenähnlichen, vergitterten Raum. Man steht auf der Straße, und der Verkäufer sucht, was man braucht. Wenige Menschen arbeiten hier auch im Homeoffice. In die Supermärkte gelangt man nur mit Maske und Handschuhen, nachdem ein mit Desinfektionsmitteln getränkter Fußabtritt passiert wurde. Vor dem Supermarkt bildet sich schnell eine Schlange von Wartenden – 200 Meter Länge sind keine Seltenheit.
Leider gibt es, hauptsächlich in den slumähnlichen Stadtteilen, zu viele Menschen, die sich um keine Regeln kümmern. Gerade dort, wo oft acht bis neun Personen auf 40 Quadratmetern „hausen“, breitet das Virus sich schnell aus. Dazu kommt, dass die Bestattungsunternehmen an ihre Grenzen stoßen – auch weil das Personal große Angst hat sich anzustecken – und erst seit ein paar Tagen holen die Polizei und das Militär die Toten ab. Sie lagen teilweise 3 bis 4 Tage zu Hause beziehungsweise wurden einfach auf die Straßen gelegt. Inzwischen werden Särge aus Pappkartons genutzt. Allein in der letzten Woche wurden knapp 800 Leichen abgeholt.

Wie kommen Sie und Ihre Frau an Lebensmittel und Dinge des täglichen Gebrauchs?
Da immer nur ein Familienmitglied einkaufen darf, wechseln wir uns ab und so kommt es, dass jeder von uns nur einmal innerhalb von acht bis zehn Tagen auf die Straße muss. Frisches wie Ananas, Äpfel, Birnen, Erdbeeren, Kartoffeln, Bananen, Kochbananen, Zwiebeln, Mais, Paprika, Rote Bete kaufen wir bei den „fliegenden Händlern“. Sie ziehen mit ihrem Lastenfahrrad durch die Straßen und rufen lautstark aus, was sie haben. Wir rufen vom Balkon runter, was wir brauchen, lassen einen Korb mit Geld runter und der Händler legt die Ware rein. Wir ziehen den Korb dann hoch, waschen die eingekauften Dinge und fertig ist der „bequeme“ Einkauf. Vor Ausbruch der Krise habe ich mir zum Glück Rezepte für die notwendigen Medikamente (Diabetes 2 und Bluthochdruck) für drei Monate verschreiben lassen, so dass ich in der Hinsicht noch gut versorgt bin.

Wie empfinden Sie die Situation emotional?
Das ist schwer zu beschreiben. Einerseits sind wir an das Haus gebunden und leben somit, wie die meisten Menschen zurzeit, in den eigenen vier Wänden. Es fehlt der persönliche Kontakt zu unseren Freunden, zum Gottesdienst, zum Sport, andererseits sind wir durch die neuen Medien so vernetzt, dass selbst die Predigt aus Lüneburg hier gehört und teilweise sogar gesehen werden kann. Allerdings bedrückt es sehr, zu wissen, dass viele Familien, die schon immer von der Hand in den Mund lebten, nun so gut wie gar nichts mehr zum Essen haben. Die Regierung und Hilfsorganisationen verteilen Care-Pakete, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wird regelmäßig in den Medien berichtet, fühlen Sie sich gut informiert?
Wenn man das System kennt, denke ich sagen zu können, dass ich einigermaßen informiert bin. Ich versuche mir durch möglichst viele Quellen ein eigenes Bild zu machen. Leider ist es hier so, dass die Vorschriften und Gesetze zwar existieren, aber wenig beachtet werden. Rote Ampeln sind halt keine roten Ampeln. Am Sonntag gab der Präsident Lenin Moreno bekannt, dass er und andere Regierungsmitglieder ihr Gehalt um 50 Prozent gekürzt hätten. Die Wirtschaftskrise ist bereits gewaltig. Ein Barrel Rohöl kostete zu besten Zeiten um 50 Dollar, die Herstellungskosten liegen in Ecuador bei 23 Dollar und der Preis auf dem Weltmarkt liegt deutlich darunter. Dazu kommt, dass eine wichtige Pipeline durch einen Erdrutsch an einem Fluß gebrochen ist und für eine Umweltverschmutzung größeren Ausmaßes gesorgt hat – nicht zu vergessen, dass dadurch zur Zeit kein Öl mehr transportiert werden kann. Die Reparaturarbeiten sollen insgesamt rund drei Wochen andauern.

Was ist die größte Sorge von Ihnen und Ihrer Frau?
Dass die Menschheit aus diesem Geschehen keine Konsequenzen zieht und versucht, dort weiterzumachen, wo sie aufgehört hat. Das Achten auf die Nächsten sollte nicht die Ausnahme, sondern das Alltägliche sein. Gemeinsam können wir alle gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Den Medienberichten ist zu entnehmen, dass es in Guayaquil die meisten Corona-Todesfälle gibt. So viele, dass viele nicht sofort beerdigt werden können. Was löst das bei der Bevölkerung aus?
Die Bevölkerung ist teilweise sehr aufgebracht, weil sie ihre Angehörigen nicht bestatten, geschweige denn sie in den letzten Stunden ihres Lebens begleiten kann. Totenscheine werden kaum oder erst nach vielen Tagen ausgestellt. Bestattungen in großen Sammelanlagen werden zur Regel, und die Angehörigen sollen sich per Internet informieren, wo ihre Liebsten bestattet wurden. In einer Stadt mit rund 2,7 Millionen Einwohnern, in der rund 38 Prozent nur knapp 70 Dollar pro Monat zum Leben zur Verfügung haben, kann das sehr schnell zu einem sozialen Pulverfass werden.

Von Antje Schäfer

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