Dienstag , 20. Oktober 2020
v.l.n.r. Heiko Meyer, Jens Böther, Michael Zeinert. (Fotos: A/t&w)

Reaktionen auf neue Corona-Verordnungen: „Hygienevorschriften nicht für alle einfach umsetzbar“

Lüneburg. Geschäfte dürfen unter Beachtung von Hygienevorschriften und Abstandsregelungen ab Montag bis zu 800 Quadratmeter Verkaufsfläche öffnen, Schulen folgen schrittweise im Mai, die Gastronomie bleibt geschlossen, Touristen dürfen keine Hotels aufsuchen, die Kontaktbeschränkungen bleiben bestehen – die Richtlinien für die nächsten Wochen in der Corona-Krise sind festgezurrt. Die LZ hörte sich bei verschiedenen Lüneburger Institutionen und Entscheidungsträgern um: Wie bewerten sie die gestern getroffenen Vereinbarungen?

Heiko Meyer, Vorsitzender des Lüneburger City Managements: Die ersten Betreiber kleinerer Geschäfte in der Lüneburger Innenstadt werden am kommenden Montag wieder ihre Türen öffnen – diese Signale habe er bereits erhalten. „Doch die Hygienevorschriften werden nicht für alle einfach umsetzbar sein.“ Mund- und Nasenschutz sowie Desinfektionsmittel seien mittlerweile auch im Großhandel schwer erhältlich.
Die Probleme für den Einzelhandel seien durch die moderate Öffnung jedoch nicht gelöst, betont der LCM-Vorsitzende: „Natürlich kommt wegen der Einschränkungen letztlich niemand auf seinen Umsatz.“ Bund und Land seien daher gefordert, die Geschäftsleute weiter zu unterstützen. Das gelte auch für die Gastronomie und das Hotelgewerbe. Beim Thema Gastronomie müsse noch nachjustiert werden: „Dass die Hähnchenbude vor dem Supermarkt öffnen darf, der Imbiss auf dem Wochenmarkt aber nicht, dort aber der Kaffeestand – das ist schon schwer nachvollziehbar.“

Bernd Wiechel, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Lüneburg-Nordostniedersachsen, begrüßt „dass erste Schritte unternommen werden, um zu möglichst normalen Lebensverhältnissen zurückzukehren“. Es sei verständlich, dass dies in kleinen Schritten erfolgen müsse. „Schließlich ist die Corona-Pandemie ja in Deutschland bislang relativ glimpflich abgelaufen, und das will natürlich niemand aufs Spiel setzen.“
Der AV-Hauptgeschäftsführer findet es „gut und richtig, dass man jetzt gerade auch den kleinen selbstständigen Unternehmen die Möglichkeit gibt, zum Geschäftsbetrieb zurückzukehren“. Die Entscheidungsträger von Bund und Ländern hätten ja auch vereinbart, sich im 14-tägigem Rhythmus zu weiteren Beratungen zusammenzusetzen „und ich hoffe, dass es dann auch für das Gastronomie- und Hotelgewerbe wieder erste Möglichkeiten geben wird“.

Michael Zeinert, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg, begrüßt die ersten Lockerungen für den Einzelhandel. „Nur durch ein schrittweises Wiederanfahren der zurzeit brach liegenden Wirtschaftsbereiche können die wirtschaftlichen und sozialen Kosten eingedämmt werden“, erklärt Zeinert. Unverständlich ist für ihn allerdings, „wieso die Lockerungen nicht einheitlich für alle Händler gleichermaßen gelten sollen, da alle Geschäfte die Kundenfrequenz verlässlich steuern und somit einen Mindestabstand gewährleisten könnten“.
Wichtig sei jetzt, dass es nicht wieder zwischen den Bundesländern oder sogar zwischen Landkreisen einen Flickenteppich an verschiedenen Regelungen gebe.

Ulrich Mädge, Oberbürgermeister von Lüneburg, bezeichnet die Lockerung in einigen Bereichen als richtig: „Gerade bei den Geschäftsöffnungen waren die bisherigen Regelungen oft lückenhaft, ungerecht und damit nur schwer vermittelbar“. Was Schulen und Kitas angeht, hätte sich das Stadtoberhaupt eine schnellere Lösung gewünscht. Kitas und Schulen öffnen nicht und auch die Spielplätze bleiben geschlossen – „das ist eine Entscheidung, die ich nicht verstehe und nicht gutheiße“, betont Mädge. Das werde die soziale Sprengkraft in den nächsten Wochen noch erhöhen. Denn gerade in der Stadt gebe es viele Familien ohne Garten. „Die Kinder brauchen die Möglichkeit zu spielen und sich auszutoben.“

Jens Böther, Landrat des Landkreises Lüneburg, sagt: „Ich finde es gut, dass man jetzt so behutsam in die Lockerung der Regelungen einsteigt.“ Böther begrüßt auch den schrittweisen Einstieg in den Schulbetrieb. So hätten Eltern, Schüler und Lehrkräfte genügend Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. Als Träger der weiterführenden Schulen habe der Landkreis nun vor allem Fragen zur Schülerbeförderung und Herstellung neuer Hygienestandards in den Lehreinrichtungen zu lösen.

Heiner Luhmann, Sprecher der Hauptverwaltungsbeamten im Landkreis Lüneburg, zeigt sich erleichtert über den aktuellen Kurs: „Wäre man mit größeren Schritten vorangegangen, hätte uns das sicher auch vor größere Probleme gestellt.“ Die Verwaltungen der Kommunen drängten nun auf konkrete Handlungsanweisungen für die Wiederaufnahme des Schulbetriebs und eine aktualisierte Liste der systemrelevanten Berufsgruppen. Luhmann: „Wenn wir jetzt Geschäfte wieder öffnen, müssen wir auch Kinderbetreuung bereit stellen, damit das funktioniert.“

Urte Gräper, Lüneburger Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), plädiert für eine Verbesserung der technischen Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen: „Die meisten meiner Schüler haben maximal ein Handy zu Hause“, sagt die Lehrerin einer Oberschule. „Da ist die Politik gefragt: Die jungen Menschen dürfen nicht abgehängt werden.“ Wenn es den Schulträgern nun rechtzeitig gelänge, die nötigen Schutzmaßnahmen für eine Beschulung in Zeiten von Corona zu treffen, hätte man vieles von dem, was die Gewerkschaft seit Jahren fordert, in wenigen Wochen umgesetzt, so Gräper: kleine Klassen und eine individuellere Betreuung.

Cornelia Pahnke, Vorsitzende des Kreiselternrats Lüneburg, erklärt: „Wir Eltern im Kreis halten es mehrheitlich für geboten, dass die Schulen weiterhin geschlossen bleiben, damit Bildungsgerechtigkeit gewährleistet wird.“ Von Gerechtigkeit aber könne nicht die Rede sein, wenn erneut Schulen aufgrund von Corona-Fällen unter Quarantäne gestellt werden müssten. Pahnke, zugleich stellvertretende Vorsitzende des Landeselternrats Niedersachsen, hält die gestrige Einigung von Bund und Ländern auf eine schrittweise Wiederaufnahme des Schulbetriebs für verfrüht. „Jetzt muss schnell sichergestellt werden, dass die Schulen den Infektionsschutz, die Beaufsichtigung und die Hygienemaßnahmen gewährleisten können.“ Aus ihrer Sicht ein schwer zu bewältigendes Unterfangen.

Christine Schmid, leitende Superintendentin des Kirchenkreises Lüneburg, sagt: „Es ist gut, dass die Politik die Rechte und die Aktivitäten der Kirchen dieses Mal bewusst in den Blick genommen hat.“ Wie es genau weitergeht, werde aber erst im Gespräch zwischen Innenministerium und Religionsvertretern am morgigen Freitag besprochen. „Klar ist: Alles, was für die Eindämmung des Virus nötig ist, muss auch bei uns berücksichtigt werden“, erklärt Schmid. „Sollten Gottesdienste wieder möglich sein, wird es vielleicht nicht mehr einheitlich Ja oder Nein heißen, sondern dort, wo die Voraussetzungen geschaffen werden können – Abstand, Desinfektionsmöglichkeit und so weiter – können Gottesdienste gefeiert werden. Wo es nicht geht, wird weiter verzichtet.“ Für die wärmeren Monate könnte sie sich mehr Freiluft-Gottesdienste und kürzere Gottesdienste in kleinen Gruppen vorstellen. Mit den digitalen Angeboten habe man in den letzten Wochen auch Menschen erreicht, die sonst nicht zum Gottesdienst kämen, sagt die Superintendentin. Das soll fortgesetzt werden. „Meine Gedanken gehen allerdings auch zu den Familien, die um einen Angehörigen trauern. Da bleibt es bei Beerdigungen bei der Vorgabe der kleinen Personenzahl – und das ist für viele Familien schon traurig“, so Schmid.

Von Thomas Mitzlaff und Anna Petersen