Samstag , 26. September 2020
Im Geschäft von Brigitte Gödecke ist reichlich Platz, Kunden könnten Abstand halten. Doch sie darf nicht öffnen. Foto: t&w

Lebensbedrohliche Stille

Lüneburg. Brigitte Gödecke hat viel Verständnis. Natürlich müsse man Abstand halten, um sich vor einer Infektion zu schützen. Was sie nicht versteht, sind die V orgaben des Landes: „Warum können sich in einem Baumarkt Menschen drängen, aber in mein Geschäft darf niemand kommen?“ Die Lüneburgerin betreibt das Bekleidungshaus Günsche an der Bardowicker Straße. Man tritt der Unternehmerin nicht zu nahe, wenn man sagt, es ist auch in normalen Zeiten kein Laden, der wegen Überfüllung geschlossen werden müsste. Das weiß sie selber: „Wir haben über den Tag nicht viele Kunden. Meistens sind nicht mehr als zwei Leute hier.“ Da den Abstand einzuhalten, sei wahrlich kein Problem, zumal das Geschäft über zwei Etagen reicht.

Günsche, das ist ein Betrieb mit Tradition, hier kaufen eher ältere Herrschaften ein. Es geht beschaulich zu. Die 64-Jährige kann nachvollziehen, dass die Wirtschaft runtergefahren wurde. Doch warum solche Unterschiede gemacht werden, erschließt sich ihr nicht: „Im Baumarkt kauft man genau wie bei mir nichts Lebenswichtiges. Warum dürfen die und ich nicht?“ Gewusel geht, Stille nicht? Wann wird es lebensbedrohlich?

11.000 Euro Fixkosten im Monat

Sie bietet an, Stammkunden eine Auswahl nach Hause zu bringen, sodass die Herren sich dort aussuchen können, was sie möchten. Es gebe kaum Resonanz.

Gut drei Wochen sei ihr Geschäft nun geschlossen. Bei 11.000 Euro Fixkosten im Monat schläft man nicht ganz so ruhig. Doch sie kämpft. Ihr Vermieter habe die Pacht für zwei Monate halbiert. Ihren Verkäufer Jens Harneit, seit Jahrzehnten hier beschäftigt, die beiden Teilzeitkräfte und die Mini-Jobberin hat sie nach Hause geschickt. „Ich habe vor Wochen Kurzarbeitergeld beantragt und nichts gehört.“ Auch um Zuschüsse von Land und Bund hat sie sich bemüht, alles in allem 9000 Euro, doch bis Freitag hatte die NBank nichts überwiesen. Im Moment stecke sie das Geld aus ihrer Altersversorgung in den Betrieb. Sie hofft, dass das Leben wieder anspringt. Und vorher, dass Vorgaben der Behörden so sind, dass sie nachvollziehbar sind.

Von Carlo Eggeling

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