Samstag , 26. September 2020
Michael Herrmann zeigt, welche Gefahr die andauernde Trockenheit für die Wälder mit sich bringt: Besonders das alte Laub am Boden, aber auch das viele Totholz liefern optimalen Brennstoff. Foto: t&w

Die ersten Feuer lodern schon

Lüneburg. Der Wald ist im Klimastress. Nicht erst seit gestern. Mit Beginn der andauernden Trockenheit vor zwei Jahren, hat der Boden seinen Feuchtigkeitsspeich er nie mehr komplett auffüllen können, leiden besonders die Bäume unter Wassermangel – daran hat auch der feuchteste Februar seit 1853 nur wenig geändert. Die Folgen könnten verheerend sein. Wer fahrlässig oder vorsätzlich handelt, gefährdet Mensch und Eigentum. Das versetzt nicht nur die Feuerwehren in Alarmbereitschaft.

Seit mehr als 25 Jahren beschäftigen sich Experten wie Michael Herrmann, Vorsitzender des Vereins ForestFireWatch und Dozent für Vegetationsbrandprävention an der Akademie Lüneburg, mit Waldbrandbekämpfung und Vegetationsbrandprävention. Sie wissen, in welchem Zustand die Natur sich befindet: „Durch die klimatischen Verhältnisse 2018 und 2019 mit wenigen Regentagen und langen Dürreperioden sind viele Bäume bereits vorgeschädigt, bieten nun den Schädlingen leichtes Spiel“, sagt Herrmann, „zum anderen sind aber auch viele bereits abgestorben und sorgen dadurch für enorme Brennstoffmengen in den Wäldern. Das alles kann zu Bränden führen, die mit den herkömmlichen Löschmitteln in unseren Wehren kaum noch bekämpft werden können.“

Zu eng stehende Bäume, zu viel totes Holz

Das Problem liege letztlich beim Forst: „Natürlich ist der nicht für das Klima verantwortlich“, sagt Herrmann, „aber doch für die Zustände, die das Gefahrenpotenzial enorm erhöhen.“ Zu eng stehende Bäume, zu viel totes Holz – da reiche bereits eine achtlos entsorgte Zigarette, um eine Katastrophe auszulösen. Und die mache vor Siedlungen nicht Halt: „Dort, wo sich Wohnbebauung an die Wälder anschließt, besteht die Gefahr, dass sich Funken ihren Weg durch offenstehende Fenster bahnen oder trockenes Laub in den Regenrinnen entzündet. Und dann stehen auch die Häuser in Flammen.“

Mit den Temperaturen steige das Risiko, das bereits jetzt sehr hoch sei: „Der Boden ist nur oberflächlich benetzt.“ Ab einer Tiefe von 80 Zentimetern sei alles knochentrocken.

Kameras liefern Daten und Bilder

Das führt zu einem Anstieg der Gefahr – und damit auch des Feuerindexes. Zwei Gefahrenindizes seien für die jeweilig aktuelle Warnlage entscheidend, verdeutlicht Herrmann: Die Waldbrand- und die Grasland-Kennziffer. „Wichtig sind dabei die Angaben für die Feuergefährdung offener, nicht abgeschatteter Flächen, da sich dort feiner Brennstoff befindet, der extrem schnell in Brand gerät.“ Grundsätzlich seien die Warnstufen für Landwirte und Feuerwehren ein probates Mittel, um Aufschluss über die möglichen Risiken zu gewinnen: „Gefühlt sind die Angaben des Deutschen Wetterdienstes aber immer eine Stufe zu niedrig, die bilden die Realität nicht mehr korrekt ab.“

Um die Natur im Auge zu behalten, hat das Land Niedersachsen vor einigen Jahren flächendeckend Kameras installiert. Sie liefern Daten und Bilder von 20 Stellen, können so auf zehn Kilometern Entfernung frühzeitig Rauchentwicklung melden. Seit Mitte März ist die Waldbrandzentrale in Lüneburg wieder besetzt, seit vergangenem Mittwoch auch der Feuerwehrflugdienst wieder in Bereitschaft.

Flüge als wichtiger Beitrag zur Waldbrandüberwachung

Seit 1963 ist die Einheit des Landesfeuerwehrverbandes Niedersachsen schon am Start, leistet mit ihren Piloten und den beiden Maschinen an den Standorten Lüneburg und Hildesheim einen wichtigen Beitrag zur Waldbrandüberwachung und Einsatzunterstützung. „In seiner Form ist dies eine einmalige Einrichtung in Deutschland“, sagt Kreisbrandmeister und Luftstützpunktleiter Torsten Hensel, „in Verbindung mit den Kameras sind wir sehr gut aufgestellt.“

Wenn die Gefahrenlage es er- und die Polizeidirektion es anfordert, starten die Flieger zu Kontrollflügen: Jeweils mit drei Mann besetzt – neben dem Piloten ein weiterer Feuerwehrmann sowie ein Vertreter des Forsts – hebt die Lüneburger Cessna in Richtung Neuhaus ab, um dann über Dannenberg, Gatow, Bad Bodenteich und Buchholz wieder zurückzukommen. Eineinhalb Stunden dauert eine Tour, bis zu vier werden täglich absolviert. Chefpilot Gregor Szielasko erklärt: „Dabei beobachten wir die Wälder aus der Luft, leisten also vorbeugenden Brandschutz, sind im Fall eines Feuers aber auch für die Unterstützung der Kameraden am Boden zuständig.“

Bis 31. Oktober gilt Rauchverbot im Wald

Innerhalb einer halben Stunde können die Einsatzkräfte in der Luft sein – wenn denn der Standort erhalten bleibt. „Die Diskussionen um die Schließung des Flugplatzes gefährdet natürlich unsere Arbeit“, sagt Szielasko, „Alternativen sind nicht in Sicht.“ Dabei leistet der Feuerwehrflugdienst einen wichtigen Beitrag zur Waldbrandbekämpfung – gerade in Zeiten des Klimawandels: Rund 280 Feuer, so die vorläufigen Zahlen, hat das Agrarministerium 2019 verzeichnet –112 mehr als 2018.

Hauptursache sind in den meisten Fällen Versehen oder Unachtsamkeit. Die Landesforsten bitten deshalb alle, die sich in der freien Natur aufhalten, kein offenes Feuer zu machen, nur auf ausgewiesenen Plätzen zu grillen, Autos mit Katalysator nicht über trockenem Gras abzustellen, keine Kippen aus dem Fahrzeug zu werfen und jeden Brand sofort zu melden. Seit 1. März und bis 31. Oktober gilt zudem Rauchverbot im Wald.

Von Ute Lühr