Freitag , 30. Oktober 2020
Oma Lonny singt gegen die Einsamkeit an, oft nachts, wenn sie die Gedanken quälen. Ihr kaputtes Mikrofon hat sie provisorisch mit einem Strumpf überzogen, das hat ihr den Spitznamen „Oma mit Socke“ eingebracht. Foto: ape

Echo der Einsamkeit

Bienenbüttel. Stille Nächte können unerträglich laut sein. Lauter als die Tage. Zu laut, um zu schlafen. Die Gedanken, sie donnern dann wie ein Presslufthammer durch Oma Lonnys Kopf. Lauter schlechte, unnütze Gedanken. Manchmal hilft es in solchen Stunden auf Luftballons zu schießen – also, virtuell. Möglichst viele bunte Luftballons mit kleinen Äffchen am Halteband per Mausklick zum Absturz bringen. Ja, das hilft. Manchmal. Selten. Gestern jedenfalls hat das nichts gebracht. Da hat Oma Lonny, wie so oft, um kurz nach Mitternacht ihr Mikro an den PC gestöpselt und das getan, was sie immer tut, wenn sonst nichts mehr geht: gesungen. Laut und leidenschaftlich bis morgens um 6 Uhr. Dann war sie zu müde, um weiter zu grübeln. Dann war sie weg, zumindest für ein paar Stunden: die Trauer.

Oma Lonny wird selten vor dem Nachmittag wach

Oma Lonny war nicht immer traurig. Man nannte sie auch nicht immer Oma Lonny, nein, 25 Jahre lang war sie Lonya Grelik, Ehefrau und stolze Mutter zweier Kinder. Das waren gute Jahre – überwiegend. Ohne Äffchen und ohne Gesang, dafür weniger allein. Wobei das nicht ganz stimmt: Immerhin bis zu 5000 Menschen hören ihr bei YouTube zu, wenn sie sich nachts zum Karaoke-Playback den Schmerz von der Seele singt. Ein paar Takte erzählt mit dieser Stimme, die beim Sprechen ein bisschen an Joy Fleming erinnert. In höherem Alter. Mit 73 trällert man nicht mehr wie eine Nachtigall, da schwingen Jahrzehnte mit, besonders die rauen.

Wer mit Oma Lonny wochentags um 9.30 Uhr zum Videochat verabredet ist, der muss wissen: Das ist nicht ihre Zeit. Eigentlich wird sie selten vor dem Nachmittag wach, dann aber muss sie schleunigst an den Bildschirm. Ihre Follower machen sich sonst Sorgen. Vorher zeichnet sie die Augenbrauen nach und trägt Lippenstift auf – wie früher, wenn sie und ihr Mann Hans-Peter zusammen auf die Piste gingen. Mit Hans-Peter und seinem Lkw ist sie durch ganz Europa getourt. Er war ihr Hauptgewinn nach all den „Nieten“, 25 Jahre lang. Dann verstarb Hans-Peter und Oma Lonny blieb allein zurück in ihrer viel zu großen 70-Quadratmeter-Wohnung.

Wie in einer leeren Halle

9.30 Uhr jedenfalls ist keine gute Zeit für Oma Lonny, wenn sie nachts zu viel an Hans-Peter gedacht hat. Sie ist ein bisschen heiser, aber das hört man kaum durch den Lautsprecher. Ihr kaputtes Mikrofon hat sie provisorisch mit einem beigen Strumpf überzogen, das hat ihr den Spitznamen „Oma mit Socke“ eingebracht. Und der Schall aus dem Karaoke-System macht sowieso, dass alles etwas echot – wie in einer leeren Halle. Eine Frau, ein Mikro, 70 Quadratmeter.

Es ist jetzt genau neun Stunden her, dass Oma Lonny Peter Maffay aus den Tiefen des unerschöpflichen YouTube-Fundus gezaubert hat. Das passte irgendwie. Sie entschuldigte sich bei ihren Zuhörern, sie sollten ihr – warum auch immer – „nicht böse sein“, dann sang sie: „Deine Bilder in meinem Zimmer sind wie Träume einer schönen Zeit. Doch ein Bild kann nicht lachen so wie du. Ja, und ein Bild kann nicht weinen so wie du. Oh nein, ein Bild kann nicht zärtlich sein. Es kann mich nicht versteh‘n und ich muss meinen Weg alleine geh‘n.“

Es soll Menschen geben, die das komisch finden: eine Seniorin, die sich selbst beim Singen filmt, und die Aufnahmen in sozialen Netzwerken postet. Negative Kommentare bleiben nicht aus. „Das tut weh“, sagt Oma Lonny. „Ich singe ja nicht einfach so, sondern aus einem ganz besonderen Grund.“ Weil sie Menschen Hoffnung schenken will – und meistens auch sich selbst. Peter Maffay würde das verstehen, mutmaßt die Bienenbüttelerin, Roland Kaiser sicher auch. Und vermutlich jeder, der weiß, was war. Dass sie Hans-Peter verloren hat und acht Jahre zuvor Sohn und Schwiegersohn bei einem Flugzeugunglück ums Leben kamen. Dass sie ihren Weg seitdem alleine gehen muss und die Bilder in ihrem Zimmer nicht mehr sind als Träume einer schönen Zeit. Wie recht er doch hat, der Maffay.

„Allein habe ich mich nicht getraut“

Oma Lonny legt das Mikrofon zur Seite und wischt sich ein paar Tränen aus dem Gesicht. „Das Alleinsein macht mich kaputt“, flüstert sie kaum hörbar. Das wissen viele nicht. Die 21.000 Mitglieder aus dem „Club der alten Säcke und Schachteln“ bei Facebook vielleicht. Ja, aber die existierten für sie ja nur auf dem Bildschirm, sind zumindest weit weg. „Es geht eigentlich nicht, dass ich nur am PC sitze, das weiß ich selbst“, sagt die Seniorin. Aber die Depressionen tackern sie ans Mikro, wie andere an die Matratze. Und das Kabel reicht kaum bis vor die Tür. Also steht sie oft mittags am Fenster und beobachtet, wie draußen die Kinder nach Schulschluss über die Bürgersteige toben. An wirklich guten Tagen setzt sie sich auch mal ins Café am Supermarkt und lauscht dem üblichen Gerede. Einmal hatte sie sich vorgenommen, mit dem Ausflugsbus durch die Heide zu fahren. „Aber allein habe ich mich nicht getraut.“ Es gab auch mal eine Freundin. „Aber die wohnt jetzt einen Ort weiter“, erzählt Oma Lonny und seufzt. „Seitdem sehen wir uns nicht mehr oft. Ich habe ja kein Auto.“ Ihre Tochter und die drei Enkel besuchten sie auch nur sporadisch. Warum? Schulterzucken. Eine Frau, ein Mikro, 70 Quadratmeter.

Manchmal kommt es ihr vor, als säße sie in einem selbstgebauten Käfig. Viermal versuchte sie auszubrechen, holte sich therapeutische Hilfe, kehrte zurück in ihre Wohnung und fiel wieder in ein Loch. Abermals mussten die Äffchen dran glauben. All die Schlagerkönige und Country-Stars, Rapper und Popikonen – sie sind Oma Lonnys Retter, wenn der Presslufthammer wieder zu laut in ihrem Kopf rattert. Sieben Stunden täglich im Einsatz, auch und besonders nachts.

Sie weiß, dass es nicht ewig so weitergehen kann. „Das ist nicht das wahre Leben.“ Andere Menschen im wahren Leben bemühen sich in ihrer Situation um einen Platz im Seniorenheim. Oma Lonny allerdings ist sichtlich pikiert darüber, dass dieses Thema an diesem Morgen überhaupt zur Sprache kommt. Dafür ist es noch zu früh, so ganz grundsätzlich.

Die Schlagerkönige und Popikonen sind ihre Retter

Als junge Frau, als Oma Lonny noch alle Lonya Grelik nannten, arbeitete sie mal ein paar Jahre als Telefonistin an einer Universität. „Noch so richtig mit Fernschreiber und so.“ Technisch sei sie immer mit der Zeit gegangen. Sie surfte im Netz, schon bevor ihr Enkel sie 2013 auf die Idee mit der Karaoke-Musik brachte, beherrscht das Internet heute besser als das Leben draußen vor der Tür. Was ihr fehlt, ist das, wovon sie Nacht für Nacht singt: die Liebe. „Ein Mann“, konkretisiert Oma Lonny. Einer, der ihr das Mikro – zumindest hin und wieder – aus der Hand reißt und sie mit vor die Tür nimmt. Den hat das Internet bis heute nicht ausgespuckt. „Manche sagen ja, das müsse man auf sich zukommen lassen.“ Die Seniorin lacht laut auf und verstummt dann abrupt. „Nur, auf mich kommt ja nichts zu.“

Bilder können nicht zärtlich sein, sie können nicht verstehen, auch die im Netz nicht. Sie sind wie Träume einer schönen Zeit. Ihre Zeit wird noch kommen, davon ist Oma Lonny überzeugt. Nicht einfach so, sondern Schritt für Schritt. Wenn die Corona-Krise überwunden ist, das hat sie sich fest vorgenommen, will sie sich ein Eis gönnen. Draußen. Im Café. Eine Frau, ein Eis und die große Hoffnung.

Von Anna Petersen


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