Mittwoch , 30. September 2020
Stephanie Willner (M.), Sönke Schultz, Dorothea Kraake und alle anderen Kollegen versuchen, mit ihren Schülern in Kontakt zu bleiben. Foto: t&w

Die ganze Schule bloggt

Scharnebeck. Von einem Tag auf den anderen keine Schule mehr, auf unbestimmte Zeit. Das traf Schüler, Lehrer und Eltern im Landkreis Lüneburg unvorbereitet. Die Oberschule am Schiffshebewerk in Scharnebeck traf es besonders dicke: Weil ein Lehrer sich infiziert hatte, wurden 600 Schüler und 50 Lehrkräfte unter Quarantäne gestellt.

Die Lehrer wollten in dieser Zeit mit den Schülern verbunden bleiben und steckten über die Art und Weise ihre Köpfe zusammen. Seit dem 1. April gibt es nun einen schulinternen Blog, auf dem sich Schüler und Lehrer austauschen, ihre Gedanken und Erfahrungen in diesen bewegten Zeiten niederschreiben und miteinander teilen.

Stephanie Willner, Mitglied der Schulleitung: „Wir hatten schon länger die Idee, die Schüler miteinander zu vernetzen, sichtbarer zu machen und so auch mehr Demokratie und Teilhabe zu ermöglichen. Durch die Corona-Krise wurde das Bedürfnis größer, und das Ganze hat einen ordentlichen Schub bekommen.“ In dem Blog stecke viel Arbeit. „Er ist ein Geschenk an unsere Schüler und eine Chance für die Zukunft.“

Geschenk an die Schüler und Chance für die Zukunft

Die Schülerklientel sei eine andere als am Gymnasium, digitaler Unterricht nicht 1:1 umsetzbar. Die Digitalisierung sei zwar in aller Munde, aber in der Lebensrealität vieler Schüler noch lange nicht angekommen. „Die Schüler haben nicht unbedingt den Laptop vor sich und das Bücherregal im Rücken. Viele Kinder haben nicht mal eine E-Mail-Adresse“, erklärt Willner. Doch die meisten von ihnen besitzen ein Smartphone – und das reicht als Eintrittskarte für den Blog, der in die Kategorien „Schulleben“, „Aktuelles“, „Leben“, „Freizeit“ und „World“ unterteilt ist.

„Unsere Schüler können hier selbst Kreativität entwickeln, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten schärfen, zum Beispiel Texte formatieren oder Bilder bearbeiten“, freut sich Willners Kollege Henning Schmidt. „Wir hoffen, über dieses Angebot ein bisschen mehr Chancengleichheit zu schaffen.“ Die Pädagogen sagen aber auch: „Allem voran haben uns unsere Schüler gefehlt.“

„Die Schüler haben sofort verstanden, worum es geht.“ – Sönke Schultz

Bei dem Projekt geht es ihnen auch um kritische Medienerziehung, was kann man im Internet schreiben, was nicht? In dieser Hinsicht seien er und seine Kollegen positiv überrascht worden, erzählt Sönke Schultz, der den Blog ebenfalls federführend mit aus der Taufe gehoben hat, stolz: „Die Texte waren eigentlich von Anfang an druckreif, die Schüler haben sofort verstanden, worum es geht. Wir mussten da kaum Hilfestellung leisten.“

Eine der Schülerinnen, die ihre Gedanken schon auf dem Schulblog geteilt hat, ist Zehntklässlerin Josephine. Sie beschreibt in einem Beitrag, wie es war, in Quarantäne Geburtstag zu feiern. „Das war schon komisch. Alle Pläne, die ich gemacht hatte, waren dahin, ich konnte meine Freunde nicht sehen, Gratulationen nur per Videoanruf entgegennehmen.“ Josephine hofft, mit ihrem Bericht anderen geholfen zu haben. „Ich wollte zeigen, dass wir alle nicht allein sind mit unseren Gefühlen in dieser Situation.“ Es sei ungewohnt gewesen, so öffentlich davon zu erzählen, aber nicht unangenehm.

Sie findet den Blog gut, verfolgt die Beiträge regelmäßig. „Corona ist ein Thema, das uns alle betrifft, es ist spannend, zu erfahren, wie jeder anders damit umgeht. Außerdem ist es schön, so weiter am Leben der anderen teilhaben zu können.“ Das findet auch Joelina, die darüber geschrieben hat, wie es war, eine sechste Klasse in Englisch zu unterrichten. Sie ist sich sicher: Der Blog wird bleiben, nur die Themen andere.

Von Lea Schulze