Samstag , 24. Oktober 2020
Auch an Ostern dabei unter www.wohnzimmerkirche.net für Kinder: (v.l.) Nelly mit Handpuppe Michaela, Flora mit Puppe Krümel (mit Mundschutz) und Anna mit einer Kerze als Osterlicht. Foto: Stephan Jacob

So kreativ wie noch nie

Lüneburg. Es sind bunte Zettel und Tütchen mit Hasenohren, es sind Posaunenklänge aus einem Dachbodenfenster und Schmetterlinge aus Holzspänen auf dem Rasen. Es ist ein Kreuz im Wald, ein bemalter Stein im Garten, ein Gebet unter freiem Himmel, und es sind immer wieder die Klänge der Kirchenglocken: Zwar öffnen an den Osterfeiertagen erstmals seit Mitte März wieder einige Kirchen ihre Türen, Gottesdienste dürfen allerdings nicht stattfinden. Das Fest der Auferstehung feiern die Gemeinden in Stadt und Landkreis trotzdem – mit Ideen, die es ohne die Corona-Krise nicht gegeben hätte.

„So viel Kreativität hatten wir zu Ostern lange nicht“, sagt die Leitende Superintendentin Christine Schmid. „Bei allen schwierigen Seiten hat die Krise schon jetzt viel Gutes und Neues hervorgebracht. Ich bin sicher, dass die Osterbotschaft ihren Weg zu den Menschen findet, sei es per Brief, Streaming oder Symbole.“

Der „größte“ Gottesdienst am Ostersonntag kommt aus Lüneburg: Alle drei Innenstadtkirchen haben sich zu einem gemeinsamen Gottesdienst zusammengetan, der auf den jeweiligen Internetseiten der Gemeinden zu sehen sein wird. Fast schon revolutionär daran ist: Diesen Gottesdienst können die Gläubigen besuchen, wann immer sie möchten.

Chorstimmen werden am Computer zusammengefügt

Das Video steht ab 8 Uhr morgens zur Verfügung, aber eben auch noch viel später am Tag. „Man wird alle Orgeln der drei Kirchen und auch die Kinder singen hören“, verrät Pastor Dr. Diederik Noordveld. „Aber keine Sorge, sie haben nicht gemeinsam geprobt, sondern ihre Tonspuren zuhause aufgenommen.“

Da auch die Johannespassion in St. Johannis ausfallen musste, sorgt Kirchenmusiker Joachim Vogelsänger für eine Alternative: 27 Chormitglieder haben ebenfalls zuhause ihre jeweilige Stimme eingesungen, er fügt die Tonspuren zusammen. So sind am Karfreitag zwei Choräle auf www.st-johanniskirche.de/youtube zu hören. Das große Geläut in der Osternacht allerdings wird deaktiviert. Noordveld: „Wir wollen keine unnötige Unruhe verbreiten.“

Sie alle haben Hasentüten für Ostern gepackt (und für das Foto den Abstand von 1,50 Meter zwischen den Familien eingehalten): Ganz oben stehen (v.l.) Sarah, Leo, Sophia und Laura Görg, in der Mitte Jule und Joshi Schestak und unten Anke und Maike Herbst. Foto: Henrike Koch

Die Matthäus-Gemeinde und die Freie Evangelische Gemeinde streamen dieser Tage ihre Gottesdienste live, in der westlichen Altstadt spielen die Glöckner nach dem großen Geläut am Sonntag und Montag wieder Choräle. Stephan Jacob von St. Michaelis hat bereits eine innere Saalwette abgeschlossen für seine „Wohnzimmerkirche“ für Kinder. „Ich wette, dass ich 100 Menschen für unseren interaktiven Rap zusammenbekomme“, sagt der Pastor. „Unsere Angebote kommen gut an, viele zünden sich Kerzen am Laptop an. Solche Formate werden wir sicher auch über die Krise hinaus bespielen.“

Ein Kar- anstelle eines Care-Paketes hat die Gemeinde St. Stephanus in Lüneburg am vergangenen Sonntag an ihre Kinder verteilt: Für jeden Tag der Karwoche befindet sich darin ein Gegenstand mit einem dazugehörigen Text, sei es ein Stück Seife zusammen mit der Liturgie des Händewaschens, eine Kerze mit einem Psalm oder Ostereierfarbe mit einem Text zum Osterei. An Ostersonntag gibt es für die Jugendlichen eine Osterkerze. „Das alles ist als kleine Aufmunterungen und Zeichen der Verbundenheit gedacht“, sagt Diakon Helmut Strentzsch, Beauftragter für Kindergottesdienste im ev.-luth. Kirchenkreis. „Wir wollten gern etwas Haptisches und setzen das fort, solange es keine Gottesdienste geben kann.“

Vor die Kirchen Thomasburg und Neetze haben die Gemeinden Schmetterlinge als Symbol für Hoffnung mit Hobelspänen ausgelegt. Foto: Bernhard Borowski

Helmke Hinrichs von Lüneburgs Martin-Luther-Gemeinde ruft dazu auf, am Sonntag um 10 Uhr eine Osterkerze zu entzünden und um 11 Uhr die Fenster zu öffnen und den Nachbarn „frohe Ostern“ zuzurufen. Außerdem verschenkt die Gemeinde in den Tagen nach Ostern Karten mit einem Bild der entzündeten Osterkerze im Prospekthalter der Kirche und veranstaltet einen Fotowettbewerb von Schnappschüssen des Zuhause-Seins.

Etwas Ähnliches hat sich das Team des Familien-, Jugend- und Beratungszentrums KICK Ostheide ausgedacht: Ob allein oder mit der Familie, bei dem Wettbewerb „Wir bleiben zuhause – Machen wir das Beste draus“ geht es um Fotos, Videos, Bilder, Gedichte, Musik, Comics und alles, was den Einsendern einfällt. Eine Ausstellung mit allen Ideen ist für Herbst geplant.

Vor der grünen Holztür des Pfarrhauses in Reinstorf stehen in dieser Woche rote und blaue Körbe, aus denen lauter Gesichter mit langen Ohren daran herauslugen: Es sind fast 2000 Hasentüten, die zu Ostern an die Mitglieder der Gemeinde verteilt werden, gepackt von vielen Menschen aus der Gemeinde von Jung bis Alt. Darin ein Gedicht, ein gebastelter Schmetterling und eine Kerze als Osterlicht. Zweite Aktion ist eine Witzesammlung per Video. „Mancherorts gibt es zu Ostern die Tradition, Witze zu erzählen“, weiß Henrike Koch. „Die Menschen sollen lachen und fröhlich sein.“ Gemeinsam mit der Evangelischen Jugend hat die Pastorin dazu aufgerufen, das Ergebnis wird ab Ostersonntag auf der Homepage der Gemeinde zu sehen sein.

Gemeinschaftsaktion wie der lebendige Adventskalender

In Nahrendorf schlägt Kristin Bogenschneider vor, ein Fenster, den Garten oder die Haustür österlich zu gestalten. „Eier, Osterlämmer, Kreuze, Regenbögen: Alles ist möglich, auch Schweres und Belastendes“, sagt die Pastorin. „So entsteht ein österlicher Weg in den Dörfern, den wir zu zweit oder auch als Familie gehen können.“

Ingo Reimann möchte in Dahlenburg etwas ähnliches initiieren und vergleicht dies mit dem lebendigen Adventskalender der Vorweihnachtszeit: Ob Osterfenster oder Installation im Garten, aus den verschiedenen gestalteten Formen der Zuversicht kann ein österlicher Weg entstehen, über dessen Stationen die Gemeinde auf ihrer Internetseite und im Schaukasten informiert. Scharnebecks St. Marien übernimmt die Idee aus Italien: die Kirchenbänke mit eingeschickten Fotos von Gesichtern zu bekleben. In der leeren und doch vollen Kirche nimmt Pastor Johannes Link und sein Team einen Gottesdienst auf Video auf.

Wie sich Kraft schöpfen lässt, darüber hat Pastorin Barbara Grey mit ihren Gemeinden Barskamp und Bleckede nachgedacht. Carsten Banse aus Barskamp hat daher zwei Kreuze gebaut, eins steht vor der St.-Vitus-Kirche, das andere im Schieringer Forst. „Wir laden die Menschen dazu ein, an den Kreuzen allein oder zu zweit innezuhalten, auszuatmen, zu beten und für Klagen und Schweres Steine unter das Kreuz zu legen“, sagt Barbara Grey. „Und damit neue Kraft zu schöpfen.“ Außerdem werden an Ostersonntag unter den Kreuzen bunt bemalte Steine liegen, die sich jeder mitnehmen darf. Kinder und Erwachsene verzierten sie mit Symbolen der Freude, der Hoffnung und des Lebensmutes. Manche sind auch versteckt wie Ostereier.

Pastorin Andrea Mahlke spielt am Ostersonntag um 10.15 Uhr mit der Posaune aus dem Fenster ihres Dachbodens heraus – mit Blick auf die Katharinenkirche. Foto: Thomas Müller

Einem Aufruf des Posaunenwerks Hannover folgen Pastorin Andrea Mahlke, Pastor Thomas Müller und Organist Arndt von Diependroick in Embsen: Am Ostersonntag ab 10.15 Uhr wird Orgelmusik aus der offenen Kirchentür klingen, dazu spielen Mahlke und Müller auf Blasinstrumenten aus ihren Dachbodenfenstern hinaus nach Norden und Süden und laden zum Mitmusizieren ein. „Wer mag, spielt im Anschluss weitere Lieder“, sagt Andrea Mahlke. In Lüneburg gibt es zur selben Zeit ebenfalls einen musikalischen Bläsergruß: Reinhard Bartschies spielt vom Dach der Pauluskirche.

In der katholischen St. Marienkirche in Lüneburg brennt an allen Tagen der Karwoche sowie an Ostern ein Osterlicht: Wer in die Kirche kommt, kann daran eine eigene Kerze entzünden. Dechant Carsten Menges: „Wir möchten damit ein Licht der Hoffnung und Freude weitergeben.“

Stille Gebete und Seelsorge am Telefon

Innenstadtkirchen wechseln sich über Ostern ab

Die Empfehlung der Landeskirche, ab Karfreitag und an Ostern Kirchen zum stillen Gebet zu öffnen, erhielten die Gemeinden im Kirchenkreis Lüneburg am Dienstagabend. Während des Aufenthalts in den Kirchen ist ein Mindestabstand von zwei Metern zueinander einzuhalten. In Lüneburg ist am Karfreitag St. Johannis, am Ostersonntag St. Nicolai und am Ostermontag St. Michaelis jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die Angebote der Gemeinden an diesem Wochenende sind so umfangreich, dass an dieser Stelle nicht alle erwähnt werden können. Alle Gemeinden informieren über ihre Aktionen auf ihren jeweiligen Internetseiten.

Seit Montag bieten die christlichen Kirchen in Niedersachsen eine zusätzliche Seelsorge-Hotline an. Unter (0800) 111 20 17 stehen täglich zwischen 14 und 20 Uhr Seelsorger aus den evangelisch-lutherischen, der reformierten und der katholischen Kirchen für Gespräche zur Verfügung.

Eine eigene Seelsorge für Kinder hat der Kirchenkreis Lüneburg auf die Beine gestellt: Unter (01520) 450 95 66 ist montags bis sonnabends von 16 bis 18 Uhr zu erreichen. Außerdem sind die Pastoren der Gemeinden natürlich telefonisch für Seelsorge zu erreichen.

Von Carolin George