Sonntag , 20. September 2020
Allein, wo sonst reger Betrieb herrscht: Der Lüneburger Hotelier Jörg Laser legt seine Zahlen zur Krise auf den Tisch. Foto: t&w

Plötzlich stehen alle Zimmer leer

Lüneburg. Im Büro stapeln sich die Gläser mit selbstgemachter Marmelade. Erdbeere mit Vanille, auch Apfel und Fleur de Sel. Eigentlich sollten sie jetzt auf den Frühstückstischen im Restaurant stehen. Doch im menschenleeren Raum sitzt Jörg Laser alleine mit einer Tasse Kaffee. Der Besitzer des Lüneburger Hotels „Einzigartig“ unweit des Stints hat turbulente Wochen hinter und auch vor sich. Auch ohne Gäste. Denn statt eines vollen Hauses über die Ostertage geht es für ihn jetzt um große finanzielle Herausforderungen.

Laser will die Maßnahmen der Bundesregierung zur Bekämpfung des Coronavirus nicht kritisieren, jammern ist nicht seine Art. Er will gestalten, Wege aufzeigen, die Probleme seiner Branche erklären. Der 53-Jährige war jahrelang als Banker tätig, er weiß, dass es keine schlüssige Argumentation ohne entsprechende Zahlen gibt. Deshalb hat er sich bereit erklärt, die finanzielle Situation seines Betriebes darzulegen.

Das „Einzigartig“ ist eines der individuellen Gästehäuser, die Lüneburg so liebenswert machen. Jedes der 17 Zimmer in dem Altbau ist anders zugeschnitten, insgesamt 45 Betten hat das Hotel. „Wir haben viele Familienzimmer“, erläutert Jörg Laser. Die Schließung hat ihn vor allem auch wegen der Jahreszeit hart getroffen. „Im November und Dezember setzt man Speck an für Januar und Februar. Anfang März, wenn die Reserven wieder aufgebraucht sind, geht es dann wieder los“, erklärt er. Doch in diesem März war alles anders: Am 18. des Monats hat der letzte Gast ausgecheckt. Seitdem ist die Eingangstür abgeschlossen.

18 Mitarbeiter hat er in Kurzarbeit geschickt

Nun versucht der Hotelbetreiber die laufenden Kosten irgendwie in einem erträglichen Rahmen zu halten. Allein für März, in dem die Einnahmen von einem Tag auf den anderen wegbrachen, aber viele Ausgaben noch nicht gestoppt werden konnten, hatte er plötzlich einen Liquiditätsbedarf von rund 60.000 Euro. 18 Mitarbeiter hat er in Kurzarbeit geschickt, er dreht an allen Stellschrauben.

„Eines sieht man ganz deutlich in einer solchen Krise“, sagt Laser: „Wer wirklich die Situation begriffen hat und sich für die Betroffenen einsetzt und wer nicht.“ Da seien die Lüneburger Abgeordneten auf Bundes- und Landesebene, denen er erläutert, wie bei welchen Hilfspaketen nachjustiert werden muss, damit sie den Betroffenen wirklich nützen. „Die waren alle unheimlich aufgeschlossen“, schildert Laser.

Da ist Lüneburgs Oberbürgermeister, der innerhalb einer Stunde auf seine E-Mail antwortet („obwohl der sicher genug zu tun hat“), da ist die Stadtkämmerin, die noch an einem Freitagabend anruft und verspricht, man werde Wege finden. Und da sind auch die örtlichen Versorger wie GfA, Lünestrom und Eon, die sofort bereit sind, angesichts des stillgelegten Betriebes die Abschläge, die insgesamt immerhin 2500 Euro monatlich ausmachen, sofort deutlich zu senken.

Probleme mit dem Wasserversorger Purena

Aber es gibt auch Negativbeispiele wie den Wasserversorger Purena, der sich beharrlich weigere, dem Hotel entscheidend entgegen zukommen. „Wenn statt 45 Personen plötzlich niemand mehr täglich duscht und auf die Toilette geht und die Küche nicht mehr kocht, ist doch klar, dass wir nur noch einen Bruchteil an Wasser brauchen“, sagt Laser. Purena aber habe sich nach langem hin und her lediglich bereit erklärt, den Abschlag für Wasser um 40 Prozent zu reduzieren, der für Abwasser solle sogar unverändert bleiben. Den wiederholten Hinweis des Hoteliers, er habe die Einzugsermächtigung widerrufen, ignoriere das Unternehmen.

Das ist erstmal zur Kenntnis genommen und abgehakt. Denn ein Finanzloch von bis zu 25 000 Euro monatlich reißt die Komplettschließung in die Kasse, „sollten wir erst im Juli wieder öffnen können, beträgt der Liquiditätsbedarf etwa 150 000 Euro“, rechnet der Hotelbetreiber vor. Immerhin, erste Lichtblicke gibt es: Die NBank hat Anfang der Woche 20 000 Euro staatliche Soforthilfe überwiesen, parallel dazu hat Laser eine Kreditanfrage bei seiner Bank gestellt. Er hat zur Überbrückung außerdem seine Altersvorsorge eingesetzt, „mit gemischten Gefühlen“, wie er sagt.

Wöchentliche Rundmail an die Mitarbeiter

Das finanzielle Thema ist das eine, die Verbundenheit mit den Mitarbeitern das andere. Zehn Nationen hat Jörg Laser in seinem Haus beschäftigt, „wir sind ein prima Team.“ Manche bringt die Kurzarbeit in finanzielle Nöte, schließlich fällt auch noch das Trinkgeld weg. Einmal in der Woche schickt er eine Rundmail an alle, „damit sie wissen, wie die Situation hier ist. Wir fragen, ob sie zum Beispiel Wohngeld beantragen können oder Probleme mit Behördenformularen haben“. Auch um die aktuellen Probleme der Belegschaft zu wissen, sei sehr belastend, sagt er.

Und dann ist da noch der Tag X, wenn der Betrieb wieder hochgefahren werden darf. Die verlorenen Monate kann ein Hotelier nicht wieder hereinholen, mehr als ausgebucht sein geht nun mal nicht. Jörg Laser aber hat die Sorge, dass der Betrieb erst mal verhalten wieder startet. „Dennoch aber werden wir gleich die vollen laufenden Kosten von etwa 85 000 Euro haben.“ Das wird die Phase sein, die manchen kleineren Hotelier dann endgültig in die Knie zwingt, fürchtet er.

„Aber ich begreife die Situation als Herausforderung, die wir gemeinsam mit unserem Team schaffen werden“, zeigt er sich zuversichtlich. Manchmal geht es auch in kleinen Schritten voran: So teilte Purena gestern auf LZ-Nachfrage mit, dem Unternehmen sei ein Fehler unterlaufen. Das Unternehmen werde dem „Einzigartig“ den kompletten Abschlag stunden, die eigenen Mitarbeiter würden nachgeschult.

Von Thomas Mitzlaff