Samstag , 31. Oktober 2020
Käpt'n auf dem Trockenen: Matthias Schrenk vermietet Kanus. Eigentlich. Jetzt kann der Oldendorfer nicht auf Luhe und Ilmenau, um mit Gästen loszupaddeln. Foto: t&w

Unterwegs im Corona-Land

Lüneburg. Die Terrasse liegt bezaubernd am Heiligenthaler Mühlenteich. Jetzt dort bei Kaffee und Kuchen sitzen, schnatternden Enten zuhören – wäre schön. Wirt M artin Zackariat nimmt einen Moment Platz, legt die Hände in den Nacken und brummt: „Ich habe Kopfschmerzen.“ Corona-Schmerzen. Das Virus legt seinen Laden still. Er zählt auf: Für einen Teil seiner 14 festangestellten Mitarbeiter hat er Kurzarbeitergeld beantragt, Briefe an zehn Krankenkassen geschrieben. Wie ist das mit Beiträgen für Betriebsrenten? Steuerberater anrufen. Die NBank soll Fördermittel bereitstellen: „Die Voraussetzungen ändern sich aber. Kann ich 20.000 Euro Soforthilfe beanspruchen? Was ist dann mit der Aufstockung auf 50.000 Euro?“ Kopfschmerzen.

LZ-Tour führt nach Kirchgellersen

Zackariat kämpft, mit den Umständen, mit sich selbst. Von den 24 Zimmern hatte er eine Handvoll an Monteure vermietet, jetzt sind es noch zwei. Sauber macht seine Frau. Er sitzt am Telefon, um eine Stornierung nach der anderen zu verbuchen: Konfirmationen, Hochzeiten, Geburtstage, Urlauber. Das Handy klingelt, Steffen Gärtner ist dran, Bürgermeister in Gellersen. „Klar bekommst Du ein Schnitzel.“ Holt sich Gärtner gegen 17 Uhr ab. Die Wassermühle bietet einen Außerhaus-Service an. Zackariat lächelt: „Das nehmen einige an.“ Ein Zeichen der Solidarität. Vertreibt den Kopfschmerz ein wenig, lässt Platz für Hoffnung. Vielleicht geht es im Mai wieder los. Dann ist kein Platz mehr zu bekommen auf der bezaubernden Terrasse. Die Enten sind dann nicht mehr zu hören, die Gespräche und das Lachen übertönen das Quaken.

Die kleine LZ-Tour durchs Corona-Land führt nach Kirchgellersen. Dort kann jeder in den Supermarkt gehen. Anders als in Lüneburg steht niemand bereit, teilt Einkaufswagen zu, die er vorher abgewischt hat. Von der Kasse der Ruf: „Bitte nicht ohne Wagen.“ Die Bäckereiverkäuferin serviert den Streuselkuchen mit einem Lächeln: „Es ist weniger los. Wir merken das. Aber ich kenne keinen, der Corona hat.“

Die Langeweile klingt durch

Eine Koppel bei Wetzen: Mathilda Hoffmann reitet ihre Hannoveraner-Stute No no never. Auch sie findet den Namen ein bisschen blöd: „Das machen die Züchter so, ich sage Nicky.“ Nicky freut sich wie die Schülerin über die Bewegung. Die 18-Jährige ist aus Salzhausen mit dem Auto gekommen. Die Schülerin lernt jetzt viel zu Hause: „Mathe, Physik, Geschichte. Nächstes Jahr will ich Abi machen. Theoretisch.“ Wer weiß schon, was kommt in Corona-Zeiten. Die Langeweile klingt durch bei aller Einsicht für die Beschränkungen: „Freunde treffen ist ja nicht.“ Sie reitet los.

Matthias Schrenk zieht sich das Fischerhemd an, setzt die Käpitänsmütze auf. Muss ja gut aussehen fürs Foto. Da ist er Profi. Knapp 70 Kanus gehören dem Oldendorfer. Fürs Wochenende hatte eine Familie 16 Kanus geordert: „Abgesagt. Kann ich verstehen.“

Parshipen im Kanu als Alternative

Aber Schrenk hat einen quirligen Kopf. Wahrscheinlich ist der 54-Jährige auch deshalb Vorsitzender des Kulturvereins „Klick“. „Ja“, sagt er ein bisschen gedehnt. „Ich parshipe jetzt.“ Hä? „Alle elf Minuten darf dann ein Kanu ablegen, nur mit zwei Personen natürlich, die denselben Wohnsitz haben. Bisschen spinnert, aber cool, oder?“ Er lacht, freut sich, dass er im eigenen Haus nur überschaubar große Kosten hat. Trotzdem will er einen Antrag bei der NBank stellen: „Es kommt ja kein Geld rein bei mir als Selbstständigem.“ Er steckt voller guter Laune und Energie: „Es geht weiter.“ Erst am Mittwoch, 8. April, hat der Landkreis Lüneburg hat das Vermieten von Kanus unter gewissen Voraussetzungen auf der Ilmenau gestattet. „Die Landkreise Uelzen und Harburg überlegen derzeit noch und wollen mir bis Donnerstag Bescheid geben“, sagt Schrenk.

„Die Regeln sind so“

In Amelinghausen versucht die Landschlachterei Drewes so viel Normalität wie möglich zu leben. Stammkunden sollen im Imbissbereich ein Mittagessen erhalten. Heute gibt es gefüllte Paprikaschoten mit Reis. An der Tür Desinfektionsmittel und Einmal-Handschuhe, nie mehr als ein Kunde darf in den Laden: „Die Regeln sind so.“

16 Mitarbeiter haben sie. „Keiner ist in Kurzarbeit. Dann bekommen die Leute so wenig Geld, davon können sie ihre Miete nicht bezahlen.“ Urlaub, Überstundenabbau, Schichtsystem. Elke Drewes und ihr Mann Holger versuchen einiges. In der Schlachterei verkaufen sie so gut es geht, beim Mittagstisch habe sich die Nachfrage halbiert. „Wir versuchen, ein Ostermenü anzubieten. Damit Vaddi und Muddi an Ostern nicht kochen müssen.“

Zwischen Betzendorf und Heinsen pflügt Lucas Luginbühl ein Stück Acker: „Ein Blühstreifen für Insekten.“ Für den Landwirt hat sich nicht viel verändert: „Die Natur fängt an zu wachsen, wir machen Feldbestellung“: Je nach Lage bis zu zwölf Stunden am Tag. Er sei angestellt und hofft, weitermachen zu können wie bisher. Er nimmt die Krise auch mit Humor: „Homeoffice habe ich auch – in der Kabine.“ Sagt‘s, klettert auf seinen Schlepper und macht weiter.

Von Carlo Eggeling

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