Sonntag , 20. September 2020
Die strengen Regeln für den Einsatz ausländischer Erntehelfer sorgen für Unmut in den Betrieben. (Foto: phs)

Landwirte fürchten um Existenz

Lüneburg. Im Sommer ist es so weit: Dann gibt es Rote Beete, Erbsen, Möhren, Sellerie – alles frisch aus der Region. Spargel sprießt bereits jetzt aus der Erde. Bald öffnen die Verkaufsstände der königlichen Stangen. Doch wer sät das Gemüse, wer sticht den Spargel? Häufig Erntehelfer aus dem Ausland. Nach dem kurzzeitigen Stopp erlaubte die Bundesregierung nun doch wieder deren Einreise. Doch damit seien nicht alle Probleme gelöst, sagen Landwirte aus der Region.

„Wir müssen uns langfristig überlegen, ob sich der Aufwand lohnt“, sagt Dagmar Strampe, Betriebsleiterin des gleichnamigen Spargelhofs in Neetze. Der Grund für ihre Sorgen sind die aktuellen Bedingungen für die Beschäftigung der Saisonarbeiter. Das Landwirtschafts- und das Innenministerium legten ein Konzeptpapier mit strengen Regeln vor. Strampe: „Es sind wichtige Auflagen, die alle nachvollziehbar sind – doch werden alle Kosten dem Arbeitgeber überlassen.“

„Wir müssen uns langfristig überlegen, ob sich der Aufwand lohnt.“
Dagmar Strampe, Betriebsleiterin

Laut des Konzeptpapiers dürfen jeweils 40 000 Saisonarbeiter im April und Mai per Flugzeug einreisen. Viel Verantwortung wird dabei den Landwirten überlassen: So sollen sie für die Sicherstellung eines Gesundheitschecks der Neuankömmlinge durch medizinisches Personal zuständig sein. Außerdem haben sich die Betriebe um neue Unterkünfte zu kümmern. Mit Ausnahme von Familien soll eine „Zimmerbelegung mit maximal halber Kapazität“ gelten. Für Strampe bedeutete dies, für die bisher 46 rumänischen Saisonarbeiter Container mit Ein- und Zweibettzimmern und sanitären Anlagen anzumieten. Zur Hauptsaison in einigen Wochen sind noch dreißig weitere Erntehelfer nötig. Das Problem: „Wir bräuchten dann neben Wohn- auch weitere Sanitärcontainer – aber dafür müssten wir eine neue Kanalisation legen“, erklärt Strampe.

Anlage wird dreimal am Tag gereinigt

Prinzipiell stehe für den Spargelhof bestmöglicher Einsatz im Vordergrund, um alle Mitarbeiter und den Betrieb zu schützen: „Da sollte nicht diskutiert werden.“ Die aktuellen Erntehelfer sind in Sechser-Gruppen eingeteilt, die auf unterschiedlichen Feldern arbeiten. In den Containern hängen die Hygienetipps des Gesundheitsamtes auf Deutsch, Rumänisch und Polnisch aus. Dreimal am Tag reinigen Mitarbeiter die gesamte Anlage. Mit dem örtlichen Edeka-Markt sind besondere Öffnungszeiten morgens und abends nur für die Erntehelfer vereinbart. Auch an die Zukunft ist gedacht: Das Bildungs- und Tagungszentrum (BTO) bot für den Fall einer Infizierung Einzelzimmer zur Isolation an. Wie sie nun aber weiterhin mit der Situation umgehen soll, weiß Strampe nicht: „Das schürt Existenzängste.“

Auch andere landwirtschaftliche Betriebe stellt die Situation vor Herausforderungen. Hauke Böther vom gleichnamigen Spargelhof in Wetzen hat bisher fünf Erntehelfer empfangen, für zehn weitere organisiert er noch Flüge. Er sagt: „Wir können uns freuen, dass die Erntehelfer jetzt kommen dürfen.“

Auch auf seinem Hof gilt ein strikter Hygiene-Plan. Die Arbeiter leben weitgehend isoliert, lediglich beim Einkaufen kommen sie mit der Außenwelt in Kontakt. „Die Rumänen haben selbst Respekt und Angst vor dem Virus – sie ziehen sich von alleine Gummihandschuhe beim Einkaufen an“, erzählt der Agraringenieur. Für die Unterbringung der Saisonarbeiter kann der Hof auf seine freistehenden Wohnungen im Ort zurückgreifen.

Doch solche Möglichkeiten hat nicht jeder Bauer: Ein Landwirt aus dem Landkreis, der anonym bleiben möchte, ist verzweifelt. Seine Saisonarbeiter braucht er jetzt, um Gemüse zu säen. Jedoch weiß er nicht, woher er so schnell zusätzliche Unterkünfte bekommen soll. Schließlich kostet das eine Menge Geld – und „gleichzeitig soll immer alles günstig und billig sein“, beklagt er und sagt: „Wir versuchen auch nur zu überleben“.

Wie es nun weitergehen soll, ist für viele Landwirte in Kreis noch unklar. Ihnen stellen sich Fragen, die schnell geklärt werden müssen.

Von Franziska Ruf

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