Freitag , 2. Oktober 2020
Ein Landwirt bringt Stickstoffdünger auf einem Feld aus. (Foto: A/phs)

Messstellen mit Macken

Lüneburg. Jetzt haben es die Bauern schwarz auf weiß: Laut eines Gutachtens weisen von 648 Messstellen des Landes Niedersachsen zur Feststellung von Nitratgehalten im Grundwasser 97 Prozent Mängel auf. Darunter fallen auch die drei Brunnen in Reinstorf, Wulfsode (Landkreis Uelzen) und Dachtmissen, mit denen der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) Nitratgehalte über dem Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter gemessen hatte.

20 Prozent unter Bedarf düngen

Diese Werte sind ausschlaggebend dafür, dass rund 1000 Landwirte in der Region ab kommendem Jahr 20 Prozent unter offiziellem Bedarf düngen müssen. Ihre Betriebe liegen in einem der so genannten roten Gebiete, in denen mit der neuen Düngeverordnung strengere Auflagen gelten sollen.

Das Gutachten hatten 23 Kreislandvolkverbände und das Landvolk Niedersachsen bei der Berliner Firma „Hydor Consult GmbH“ in Auftrag gegeben. Deren Mitarbeiter nahmen sowohl das Messstellennetz als auch das Bewertungsverfahren des NLWKN in den Blick – und fällten ein vernichtendes Urteil: „Die roten Gebiete sind nicht repräsentativ für das Grundwasser“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Aufgefallen seien diverse technische Mängel an den Messstellen. Darüber hinaus seien Proben aus falscher Tiefe entnommen worden und wesentliche Einflussfaktoren auf die Nitratgehalte unberücksichtigt geblieben.

„Im aktuellen Gutachten werden eklatante Fehler moniert, im Speziellen ist es aber noch viel schlimmer.“
Thorsten Riggert, BVNON-Vorsitzender

Seit Monaten protestieren die Landwirte gegen die Novellierung der Düngeverordnung, immer wieder wurden in der Region Zweifel an den zugrundeliegenden Messwerten laut. Die Expertise der „Hydor“, deren Kunden nach eigenen Angaben häufig aus dem Bereich der öffentlichen Umweltverwaltung des Bundes und der Bundesländer stammen, bestätigt den Verdacht der Bauern. So werden für Wulfsode und Dachtmissen Mängel an der Filterposition bzw. Sandverfüllung dokumentiert, die Einfluss auf die Nitratwerte haben könnten. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies hat angekündigt, die Messstellen überprüfen zu lassen.

Damit laufen die Landwirte auch Gefahr, dass Nitratwerte nach oben korrigiert werden müssen. Das Risiko nimmt Carsten Hövermann vom Kreisvorstand des Bauernverbands Nordostniedersachsen (BVNON) aber in Kauf, ihm gehe es einzig und allein darum, der „Wahrheit“ näher zu kommen, sagt er. „Es kann durchaus passieren, dass Gebiete, die jetzt grün sind, dann rot werden.“ Letztlich pochen er und seine Vorstandskollegen aber ohnehin auf ein „verursachergerechteres“ Prinzip, das lediglich jenen Landwirten strengere Auflagen macht, denen Grenzwertüberschreitungen in der Düngebilanz nachgewiesen werden können. Die technischen Möglichkeiten zur Überprüfung seien längst geschaffen, sagt Hövermann. Statt roter und grüner Gebiete gäbe es dann eben rote und grüne Betriebe.

Umweltminister kündigt neue Messungen an

Laut Umweltminister Olaf Lies ist bei der Frage, welche Mengen an Nährstoffen künftig eingebracht werden dürfen, eine stärkere „Binnendifferenzierung“ bereits beschlossene Sache: „Die neuen Messungen, die wir machen, plus die Überprüfung der Brunnen und vor allem die stärkere Binnendifferenzierung nach dem Verursacher-Prinzip wird am Ende klare Ergebnisse liefern, wo genau wir handeln müssen.“

BVNON-Vorsitzender Thorsten Riggert jedoch traut dem Frieden nicht: Sein Verband hat inzwischen mehr als 15 000 Euro in die Hand genommen, um ein weiteres Gutachten in Auftrag zu geben, das eine Messstelle im Landkreis Lüchow-Dannenberg näher in den Blick nimmt. Im Mai rechnet Riggert mit Ergebnissen – und sollten auch diese zulasten des Landes ausfallen, strebe man eine Normenkontrollklage an. Diesem Beispiel folgten weitere acht Kreisverbände im Land. „Wir gehen davon aus, zu gewinnen“, gibt sich Riggert zuversichtlich. „Im aktuellen Gutachten werden eklatante Fehler moniert, im Speziellen ist es aber noch viel schlimmer.“

Von Anna Petersen