Dienstag , 20. Oktober 2020
Wer bei Dömitz über die Elbe fährt, blick auf den Warnhinweis des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Doch anders als es Neuhauser erzählen gab es keine Kontrollen durch die Polizei. Foto: ca

Auf der anderen Seite

Neuhaus. Neuhaus fühlt sich oft abgehängt vom Landkreis Lüneburg. Die Elbe ist eine Grenze, man liegt eher in Mecklenburg denn in Niedersachsen. Und jetzt auch noch Corona. Abgeriegelt worden sei man zeitweilig, berichten Bürger der LZ. Richtung Boizenburg/Lauenburg und rüber nach Dömitz und damit zur Brücke, stehe Polizei erzählt die Journalistin und Autorin Karin Toben, die in einem der Dörfer gleich hinter dem Deich lebt. „Dazu kommt, dass die Fähre nach Bleckede nicht fährt, man kann nur bei Darchau und Neu Darchau über die Elbe.“ Am Freitag schaute es anders aus. Gleichwohl wirkt das Leben auf der anderen Seite des Stroms noch eingefrorener als sonst, gefühlt hat die Einsamkeit in dem eh verlassenen 240 Quadratkilometer großen Landstrich noch zugenommen.

Berufspendler dürfen fahren

Andreas Gehrke kommt gerade vom Einkaufen. Der Bürgermeister glaubt, dass seine Gemeinde die Folgen der Corona-Krise lange spüren wird.

Rauf auf die Fähre in Neu Darchau. „Alles super, Wetter super, Stimmung super“, sagt Fährmann Marian Klärner. „Ist nur weniger los. Sonst haben wir rund 240 Autos pro Schicht, jetzt eher 190. Mecklenburg ist dicht für Auswärtige.“ Ein bisschen komme es der Fähre „Tanja“ zugute, dass die Kollegen bei Bleckede pausieren, weil sie ihre „Amt Neuhaus“ in die Werft nach Lauenburg geschickt haben: „Hier läuft alles. Wir halten nur mehr Abstand.“ Alltag in diesen Zeiten.

Wie sieht der Alltag aus? Das Café Rautenkranz in Darchau liegt genauso verlassen da wie der Gelbe Richard in Konau. Dort, wo man sonst so herrlich essen und die Natur genießen kann, sind alle Türen verschlossen. Bis auf eine: Die Toilette kann man nutzen. Weiter nach Neuhaus.

Ins Rathaus kommt der Besucher nicht hinein. In drei Schaukästen hängen Allgemeinverfügungen aus. Ein Zettel macht darauf aufmerksam, dass man sich für ein Gespräch anmelden müsse. An die angegebene Telefonnummer geht am Nachmittag niemand.

Bürgermeister Andreas Gehrke nimmt trotzdem Stellung. Er ist gerade vom Treffen der Hauptverwaltungsbeamten in Lüneburg zurück und kauft in den Läden gegenüber der Verwaltung fürs Wochenende ein. Das Wurstpaket der Schlachterei – mehr als zwei Personen dürfen nicht rein – landet im Einkaufskorb.

Berufspendler dürfen fahren

„Die Bereitschaftspolizei aus Mecklenburg hat uns abgegrenzt“, sagt Gehrke. „Das war die Vorgabe des Landkreises Ludwigslust-Parchim. Inzwischen habe ich das klären können. Die Berufspendler dürfen fahren.“ Mit einer Bescheinigung des Arbeitgebers kommen die Neuhauser etwa nach Lüneburg, Hamburg und Schwerin. Wer in Tripkau oder Rassau wohne, der dürfe zum Einkaufen nach Dömitz fahren. „Auch das haben wir geregelt.“

Die 5000 Männer, Frauen und Kinder, die zwischen Niendorf und Wehningen zu Hause sind, bleiben weitgehend unter sich. Gehrke hofft, dass es so bleibt: „Es wäre nicht gut, wenn die Touristen jetzt zu Ostern kommen.“ Es gehe darum, Abstand zu halten.

Bis auf Ausnahmen bekämen die Bürger das ganz gut hin. Vielleicht auch, weil man nicht päpstlicher ist als der Papst. Vor ein paar Minuten saßen drei Steppkes in einem Karussell auf dem nahen Spielplatz, ein großer Junge gab Schwung. Eigentlich untersagt. Alle Passanten blieben gelassen. Gehrke zuckt die Schultern und sagt: „Wenn wir das sehen, reagieren wir. Mit einer Ermahnung.“

Solidarität steht ganz oben

Neuhaus kämpft seit der Wiedervereinigung und der Rückgliederung in den Landkreis Lüneburg mit leeren Kassen. Wenige Betriebe, wenig Einnahmen. Jede Menge verträumte Landschaft, doch zu wenig Touristen, die sich für ein tête-à-tête mit den reichlich nistenden Störchen ins Biosphärenreservat locken lassen. Die meisten radeln über den Elbdeich am Amt vorbei. Die Gemeinde hängt seit langem am Finanztropf.

Gehrke sieht durch Corona weitere Folgen auf die Gemeinde zukommen: „Es wird uns in den künftigen Jahren zurückwerfen. Die Verteilung von Fördergeldern wird sich verändern. Bestimmte Programme werden nach der jetzigen Lage nicht mehr so ausgestaltet sein. Aber wie das aussieht, wissen wir nicht.“ Wie auch andere Verwaltungschefs weiß er, dass obendrein die Gewerbesteuern einknicken. Noch ein zu erwartender Schlag.

Solidarität schreiben sie groß im weitläufigen Amt. Man fährt sonst eine halbe Stunde für die rund 35 Kilometer auf der gerade wegen Bauarbeitern unterbrochenen B195 von Niendorf bis Wehningen. Auch sonst kaufen Familien und Nachbarn für die Älteren mit ein. Der Verein Bürgerbus habe in Absprache mit dem Rathaus zweimal die Woche einen Einkaufsservice organisiert. Die Sparkasse helfe Senioren bei der Bargeldversorgung durch einen Extraservice. Gehrke lächelt: „Das läuft.“

Viele machen sich Sorgen um ihr Einkommen

Nadine Schuhmann (l.) und Marita Pamperin bieten in der Bäckereifiliale in Neuhaus Kuchen an. Im Geschäft gelten Abstandsregeln. Die meisten Kunden sähen die Maßnahmen ein, erzählen sie. Fotos: ca

Auch beim Bäcker läuft es. Nur ein bisschen anders. Marita Pamperin und Nadine Schuhmann erzählen, dass Kunden kommen. Weniger als üblich, das Café mussten sie schließen. Kuchen werde aber gekauft. „Wenn man den ganzen Tag zu Hause ist“, sagt Marita Pamperin. Sie hören hier, wo der Schuh drückt: Schlechte Internetverbindungen machen es für Schüler schwierig, sich Aufgaben schicken zu lassen. Da ist auch Home office eher eine Illusion für Büroleute, die sonst in Hamburg arbeiten. Gut sei die Weite, da könne man sich an der frischen Luft aus dem Weg gehen. Und klar, viele machen sich Sorgen um ihr Einkommen, Kurzarbeit. Dann die Firmen, den Aufträge und Einnahmen wegbrechen.

Dazu gehört auch der Imbiss Alibaba an der Straße nach Kaarßen. Sana Ullah und seine Kollegen lassen niemanden mehr ins Geschäft, verkaufen Döner, Pizza und Pommes durch ein Fenster. Sie halten Abstand, desinfizieren, tragen Handschuhe. Bestellung vor allem per Telefon. Trotzdem ist weniger los. Der Pakistani ist ratlos: „Lange halten wir das nicht mehr durch.“

Die nächste Kontrolle kommt bestimmt

Sana Ullah verkauft Döner im Imbiss. Rein darf keiner mehr, das Paket legt er auf einen Tisch am Fenster, mit dem Bezahlen geht es ebenso. Er sagt: „Lange halten wir das nicht mehr durch.“

Weites Land. Ein Himmel mit Wattewolken. Eigentlich ein Idyll. Weiter zu den „Grenzposten“. Doch die sind gar nicht da. Am Sprengelshof bei Niendorf steht ebenso ein Schild wie zwischen Wehningen und Rüterberg. Die Straße sei „Für touristische Verkehre im Land gesperrt“. In nächsten Dörfern steht ebenfalls kein Polizist. Über die Dömitzer Brücke geht es zurück – keine Kontrolle, Lastwagen rauschen vorbei. Die Journalistin Karin Toben kommt mir entgegen, sie hat Familie in Hitzacker besucht. Wer weiß, wann wieder kontrolliert wird.

Von Carlo Eggeling

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