Montag , 26. Oktober 2020
Auf den bisweilen chaotischen Redaktionsalltag mag LZ-Redakteur Ulf Stüwe auf Dauer dann doch nicht verzichten. Foto: t&w

Ausgelagert

Lüneburg. Die Ablenkungen lauern überall: Unerledigte Post auf dem Schreibtisch, Abwasch vom Vortag, ein voller Mülleimer, Werkzeug, das seit Wochen in den Kell er soll, unerledigte Rechnungen. Und die Fenster! Längst sollten sie geputzt werden. Homeoffice ist kein Kinderspiel. Es ist eine Herausforderung an die Selbstdisziplin. Und eine Erfahrung besonderer Art. Ein Bericht aus der selbstgewählten Redaktions-Abstinenz.

Kurz kam ich ins Grübeln. War das jetzt doch der falsche Schritt? Als ich mich entschied, das Angebot der Chefredaktion anzunehmen und vorerst von Zuhause aus zu arbeiten, war klar: besser, mich in diesen Zeiten halbwegs virenfrei zu halten. Veranstaltungen in der Stadt sind eh alle abgesagt, auch die Politik hat alles, was nicht Corona-verdächtig ist, nahezu komplett heruntergefahren. Artikel lassen sich also bequem vom privaten Schreibtisch aus verfassen.

Spätestens um 10 Uhr am Schreibtisch

Nur: Wie ist das, arbeiten von Zuhause? Urlaub mit ein bisschen Arbeit nebenbei? Um gar nicht erst in ein gefährliches Fahrwasser zu geraten, startete ich mit einer klaren Prämisse: Tu so, als gingest Du weiter in die Redaktion. Spätestens um 10 Uhr am Schreibtisch, also wecken wie gewohnt, kurzes Frühstück, danach die aktuelle LZ durcharbeiten nach Artikeln, die ich am Vorabend noch nicht gelesen hatte, dann an den Schreibtisch, konzentriert arbeiten. Gegen 13 Uhr kurze Mittagspause. Ende am Abend wie immer offen, je nach Arbeitsanfall.

Der erste Tag war spannend. Das Telefon hatte ich noch in der Redaktion aufs Handy umgeleitet, das Redaktions-Mailprogramm war schnell auf meinem Rechner installiert. Irgendwann lief sogar das Redaktionsprogramm ohne größere Abstürze. Endlich: Schreiben, ohne Störungen! Wie oft hatte ich mir das in unserem Fünfer-Redaktions-Durchgangszimmer gewünscht! Herrliche Konzentrationsruhe in den eigenen vier Wänden!

Mails trudeln weiterhin gewissenhaft ein

Seitdem läuft alles. Telefonate können entspannt geführt werden, Abstimmungen mit der Redaktion erfolgen in der Regel per E-Mail. Mittagspausen fallen meist aus, es ist ohnehin überall geschlossen, gekocht wird am Abend. Gestern gab‘s Kartoffelauflauf aus der Fertigpackung

Es dauerte wenige Tage, da stellte es sich zum ersten Mal ein: dieses nicht recht zu fassende Gefühl, irgendwo im redaktionellen Nirwana gelandet zu sein. Klar, die Mails trudeln weiterhin gewissenhaft ein, ich erfahre alles, was auch sonst über diesen Kanal läuft. Doch es gibt keine Neuigkeiten vom Flurfunk, keine Hintergründe und Bissigkeiten beim gemeinsamen Mittagessen, keine Scherze, kein Lachen, nicht mal böse Worte. Gehörte ich noch dazu?

Gespräche, Austausch, Mimik

Am nächsten Morgen war klar: Ich muss in die Redaktion. Nur kurz. Wenigstens mal sagen, dass es mich noch gibt. „Meine Wohnung war noch nie so sauber wie jetzt“, rief ich den Kollegen bei der Begrüßung zu, um ihnen gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Hätte ich mir sparen können, denn sie zeigten sich freudig-überrascht, als ich ins Zimmer trat. Hatten sie mich doch schon abgeschrieben?

Wieder zurück im Homeoffice wurde mir schnell klar: Redaktions- oder Büroalltag ist mehr als nur Arbeit, es ist ein eigener Kosmos, den man nicht mal kurz nach Hause auslagern kann. Wie sagte Aristoteles so treffend: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das wird dann besonders deutlich, wenn plötzlich alles anders ist. Gespräche, Austausch, Mimik – all das und noch viel mehr fehlt, wenn Menschen nicht mehr zusammenkommen können. Auf Dauer ist dem selbst ein bisweilen chaotisches Redaktionszimmer vorzuziehen.

Doch genug, ich muss aufhören, die Fenster sind echt fällig.

Von Ulf Stüwe

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