Sabine Remdisch ist Professorin für Personal- und Organisationspsychologie an der Leuphana. Ihr Gebiet ist die digitale Arbeitswelt, unter anderem forscht sie zur sogenannten „Führung auf Distanz“. (Foto: privat)

Chef aus der Ferne

Lüneburg. Sabine Remdisch ist Professorin für Personal- und Organisationspsychologie an der Leuphana. Ihr Gebiet ist die digitale Arbeitswelt, unter anderem forscht sie zur sogenannten „Führung auf Distanz“.

Was ist die größte Herausforderung beim „Führen auf Distanz“?
Die besondere Herausforderung einer Führung auf Distanz besteht darin, soziale Interaktion ins Digitale zu übersetzen und den Mitarbeitern nah zu sein, obwohl man faktisch voneinander entfernt ist. „Being there when you are not there“ heißt das in meinem Zweitarbeitssitz, dem Silicon Valley. Das ist sehr komplex: Man hat weniger Kontrollmöglichkeiten einerseits, mehr und auch ganz neue Kommunikationsmöglichkeiten andererseits. Das sind die Pole, zwischen denen Führungskräfte auf Distanz vermitteln und neue Wege beschreiten müssen.

Welchen Tipp geben Sie Führungskräften mit ins Homeoffice?
Erfolgreiche Führung auf Distanz ist wesentlich davon bestimmt, dass Führungskräfte eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Mitarbeitern aufbauen beziehungsweise halten, dass sie ihnen alle relevanten Informationen liefern und Orientierung geben. Sie müssen für ihre Mitarbeiter erreichbar sein, regelmäßige Feedbacks einholen, nach deren Befinden fragen und ein feines Ohr für Zwischentöne entwickeln. Nicht zu vernachlässigen ist der eigene Kommunikationsstil. Gerade auf Distanz ist es wichtig, besonders reflektiert und sensibel zu kommunizieren, denn über die digitalen Medien kommen nonverbale Aspekte wie Mimik und Gesten schnell zu kurz, was leichter zu Fehlinterpretationen führen kann. Auch sollte die Führungskraft ihre Mitarbeiter ermutigen, Rückfragen zu stellen, wenn etwas nicht klar geworden ist. Und sie sollte bewusst auswählen, welches Medium für welchen Zweck geeignet ist. Manchmal ist ein kurzer Chat ausreichend. Komplexe Themen brauchen eher ein Medium, das der face-to-face-Kommunikation näherkommt.

Was sollte auf jeden Fall vermieden werden?
In der augenblicklichen Situation sicher jedes Gefühl der Isolation, der Eindruck der Mitarbeiter, nicht einbezogen zu sein, nichts mehr mitzubekommen oder mit technischen Problemen allein dazustehen. Hier ist die Führungskraft als Kommunikator, Coach und Netzwerker gefragt. Vor allem dürfen wir nicht vergessen: Der Weg aus den bisherigen traditionellen, vor allem face-to-face-geprägten Arbeitsstrukturen hin ins Homeoffice ist, wie jeder kulturelle Wandel, ein längerer Weg. Nun stellen sich viele dieser Herausforderungen sozusagen über Nacht. Was wir daher auch vermeiden sollten, ist die Suggestion, dass mit ein, zwei Tipps und Tricks alles reibungslos funktioniert. lvc