Sonntag , 1. November 2020
Frank Hintemann hat bei seinem Geschäft „Mythos“ eine Abholstation eingerichtet, durch die ein Sicherheitsabstand zum Kunden eingehalten werden kann.. Bei der Bezahlung hilft eine Müllzange. (Foto: t&w)

Not macht erfinderisch

Lüneburg. Fast alle Läden sind dicht. Gezwungenermaßen. Doch einige Geschäftsleute versuchen, zumindest ein Minimum an Geschäftsbetrieb am Laufen zu halten. Ein Existenzkampf unter Einhaltung der strengen Hygieneregeln – mit teils pfiffigen Ideen. Die LZ nennt Beispiele dafür, wie es gehen kann.

Frank Hintemann ist Inhaber der Buch- und Spielwarenhandlung unweit dem Platz Am Sande. Er kann sich – abgesehen von Sonn- und Feiertagen – an keinen Tag in den vergangenen 31 Jahren erinnern, an dem sein Geschäft nicht geöffnet hatte. Bis vor zwei Wochen: Seitdem haben die Maßnahmen gegen das Coronavirus auch ihn getroffen, er musste schließen. Doch ganz untätig kann er nicht sein – und hat deshalb eine kontaktlose Abholstation an seinem Laden eingerichtet.

Eine Müllzange für das Geld der Kunden

„Kunden können per E-Mail bei uns vorbestellen“, erklärt er. Wenn sie zwischen 10 und 13 Uhr zur Abholung vorbeikommen, legt er die Ware in einen Korb, den er vor das Gitter stellt, das die Ladentür verschließt. „Bezahlen kann man entweder im Voraus per Überweisung oder direkt vor Ort bar. Dann muss man das Geld einfach in einen Umschlag in den Korb legen oder ich nehme es mit einer Müllzange entgegen.“ Das Angebot werde gut angenommen. „Unsere Kunden unterstützen uns, die wollen, dass wir hier bleiben. Das merkt man“, freut sich Hintemann. Neben der Abholstation verschickt er nun auch Bestellungen per Post oder liefert sie persönlich in Lüneburg aus. „Das sind alles Möglichkeiten, um wenigstens ein bisschen Geld in die Kasse zu spülen.“

„Das Ganze funktioniert nur auf Vertrauensbasis.“
Gert Brümmel, Inhaber einer Gärtnerei

Das versuchen auch der Blumenhof Müller in Oedeme und die Gärtnerei Brümmel in Deutsch Evern. Jürgen Müller, Inhaber des Blumenhofs, der auch als Kulisse bei den Roten Rosen derzeit Pause hat, erklärt, dass die kostenlose Lieferung im Umkreis von 20 Kilometer zwar sehr zeitfressend sei, sein Team so jedoch wenigstens ein paar neue Kunden gewinnen und alte halten könne. Beide Gärtnereien liefern die Blumen vor die Haustür, legen sie dort ab, klingeln und warten in sicherer Entfernung, bis der Kunde einen Briefumschlag mit dem Geld an die Stelle der Ware gelegt hat. Bei Müller ist zudem Zahlung per Vorkasse möglich, Gert Brümmel, Inhaber der Gärtnerei Brümmel, lässt auch auf Rechnung zahlen. „Das Ganze funktioniert nur auf Vertrauensbasis.“ Obwohl das Angebot beider Gärtnereien gut angenommen werde, könnten sie derzeit keine Gewinne generieren. „Das ist Verlustvermeidung, wir erzielen nur etwa 20 Prozent unseres normalen täglichen Umsatzes“, schätzt Brümmel.

Übergabe mit gebotenem Abstand an der Fahrradwerkstatt am Lüneburger Bahnhof: Thomas Zirfas und seine Kollegen bieten weiterhin Reparaturen an. Doch aktuell kommt nur noch etwa ein Drittel der Kunden. (Foto: t&w)

Auch Optiker müssen sich neue Wege suchen, um die Hygienevorschriften einzuhalten, nur noch dringende Reparaturen und Notfälle sind erlaubt. An einigen Filialen in Lüneburg heißt es deshalb: anklopfen und draußen warten. „Wir haben Kernöffnungszeiten, in denen lassen wir aber nur eine Person ins Geschäft“, erklärt Marion Adam von „Brillen Curdt“.

Optiker dirigieren aus der Distanz

Genauso hält es Ekkehard Dahlkötter von „Der Optiker“, der betont, dass zurzeit nur die Kunden bedient werden können, die andernfalls nicht mehr am Leben teilhaben können. „Wenn jemand stürzt und die Brille kaputtgeht, reparieren wir das natürlich.“ Auch Kontaktlinsen und das dazugehörige Pflegemittel können weiter verkauft werden. Eine Brillenanpassung gibt es in Dahlkötters Geschäft indes nicht mehr. „Wir können sie nur grob anpassen, aber wir fassen keinem Kunden mehr ans Ohr, um genaue Abstände zu messen. Das muss jetzt leider warten.“ Marion Adam beschreibt, dass sie versuchen, eine Anpassung mit einem Abstand von 1,5 Metern vorzunehmen. „Da muss der Kunde dann mithelfen: Sein Ohr wegklappen und die Haare zurückmachen. So können wir auch aus der Entfernung ungefähr sehen, was gemacht werden muss.“

Mit dem Handy vorm Schaufenster

Auch Philipp Mundinus hat eine Lösung gefunden. In seinem Fachhandel an der Rosenstraße melden sich Kunden vorab per E-Mail und Telefon. „Gefragt sind Leuchtmittel, Sicherungen. Ich hatte auch einen Herren, der eine Dichtung für den Wasserhahn brauchte“, sagt er. Wenn etwas unklar ist, steht der Kunde am Schaufenster, Mundinus zeigt die verschiedenen Artikel: „Wir sprechen dann per Handy.“ Die Übergabe erfolgt an der Koltmannstraße – mit Handschuhen, Abstand und einem Behälter fürs Geld.

Der Lüneburger hofft auf einen langfristigen Effekt: „Vielleicht merken die Kunden, was sie am Handel in der Innenstadt haben, wenn sie sonst shoppen gehen und Sachen anprobieren oder anfassen können.“ Die bessere Alternative zur Bestellung über das Internet.

Am Bahnhof bietet der Radspeicher einen Not-Service an. „Das wird auch angenommen“, sagt Thomas Zirfas. Mit vier Kollegen ist er am Vormittag und dann noch einmal nachmittags in zwei Schichten vor Ort. Wer sein Fahrrad zur Reparatur bringt, meldet sich an einem aufklappbaren Fenster, dort kann der Kunde auch bezahlen, entweder elektronisch oder indem er sein Bargeld in eine grüne Schale legt. Das Rad nimmt dann ein Mitarbeiter eine Etage tiefer in Empfang: Er stellt es vor einer Gittertür ab, tritt zurück, der Kollege holt das Fahrrad in die Werkstatt. Ein Dutzend Kunden habe er am Tag, sonst sind es gut dreimal so viele. „Das rechnet sich nicht wirklich“, ist Zirfas sicher. Trotzdem ist er seinem Chef dankbar, dass es weitergeht. Es sei auch ein Zeichen, dass es irgendwie weitergeht.

Von Lilly von Consbruch und Carlo Eggeling