Donnerstag , 29. Oktober 2020
Kommunikation mit Lehrern und Mitschülern per E-Mail und in Videokonferenzen: Amy Basting-Neumann bereitet sich zu Hause auf ihr Abitur vor. Foto: t&w

Motivation ist nicht immer leicht

Scharnebeck/Lüneburg. In der Theorie ist der Digitalpakt Schule gut, in der Praxis mangelhaft, in außergewöhnlichen Zeiten ein Segen für diejenigen, die zumindest in Ansätzen davon profitieren können. Niklas Eickhoff ist einer von ihnen. Er lernt an den Berufsbildenden Schule I in einer sogenannten Tablet-Klasse. Für die Vorbereitung auf das Abitur spielt ihm das jetzt in die Karten.

Seitdem die Termine für die Abschlussprüfungen auch offiziell verschoben wurden, hängen die Jugendlichen in den Seilen: Lernen oder lieber abwarten – für viele ist das eine Frage der eigenen Motivation. Der 20-Jährige bildet da keine Ausnahme: „Ich hatte schon vor einiger Zeit angefangen, mich auf das Abi vorzubereiten“, sagt er, „und versuche, das jetzt auch regelmäßig fortzuführen.“ Das fällt nicht immer leicht. „Letztlich sitzen mir meine Eltern aber im Nacken, und das hilft.“

Gute Unterstützung durch die Lehrer

Einen großen Vorteil hat der Scharnebecker durch die neuen Medien: „So hatten wir uns als Tablet-Klasse schon vor der Schulschließung je nach Prüfungsschwerpunkt in verschiedenen Gruppen zusammengetan und Themen ausgearbeitet. Das Ergebnis konnten wir dann online über eine digitale Plattform präsentieren.“

Aber auch die Kommunikation mit den Pädagogen laufe über diesen Weg: „Die Unterstützung durch die Lehrer ist sehr gut“, sagt Niklas, „alle sind vernetzt, Fragen werden schnell beantwortet. Das ist beruhigend.“

Ohne konkreten Plan geht es nicht

Eine vergleichbare Erfahrung macht derzeit Amy Basting-Neumann: Sie will dieses Frühjahr an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Lüneburg ihr Abitur machen. Wie viele ihrer Jahrgangskameraden lernt sie regelmäßig – in der vergangenen Woche noch intensiv, jetzt zwei bis drei Stunden am Tag. „Die meisten, die ich kenne, haben sich einen Plan gemacht, viele bereiten sich bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die Prüfungen eigentlich stattgefunden hätten, vor. Andere freuen sich über den dreiwöchigen Puffer, den sie dazugewonnen haben.“

Die Lehrer seien auch an der IGS überaus engagiert, sagt die Lüneburgerin, per E-Mail sei jeder erreichbar, miteinander kommunizieren die Schüler per Videokonferenz, denn: „Eigentlich hätten wir uns ja zum Lernen getroffen.“ Was Amy bedauert ist die fehlende Möglichkeit, die Uni-Bibliothek zu nutzen: „Da hätte ich meine Ruhe gehabt, das ist zu Hause nicht immer so.“ Doch genießt sie die gewonnene Familienzeit: „Wir essen gemeinsam, treiben mittags zusammen Sport und nutzen auch den Abend miteinander.“

Kann der Abiball stattfinden?

Neben manchen positiven Aspekten bringt Corona aber viel Negatives: Der Abi-Streich und die Motto-Tage mussten ausfallen, ebenso fehlen den Schülern die zwei Wochen Vorbereitungszeit vor den Osterferien. Und ob die geplanten Abi-Fahrten und der Abiball letztlich stattfinden, kann auch keiner sagen.

Der spielt für Timo Klose zwar keine Rolle, aber auch er ist von den Prüfungsverlegungen betroffen: Als Zehntklässler der Bardowicker Hugo-Friedrich-Hartmann-Schule will er in diesem Jahr seinen Sekundarstufe-I-Abschluss machen. Jetzt Lernen oder besser später? Die Ungewissheit macht auch ihm zu schaffen. Denn ob und falls ja, wann die Prüfungen stattfinden sollen, weiß er nicht – und auch kein anderer.

Kritik der GEW

Noch alles offen 

Der Landesverband Niedersachsen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) weist seine Mitglieder in einem Schreiben darauf hin, dass auch jetzt nicht sicher sei, dass die Abitur- und Sek-I-Prüfungen stattfänden. Es sei weiterhin sowohl eine Verschiebung, als auch ein Stufenverfahren im Sinne eines „Teilabiturs“ bis hin zum Ausfall denkbar. Eine Entscheidung werde nach Ostern erwartet.

Für den Sek-I-Bereich hätte Niedersachsen eigenverantwortlich handeln können. „Die GEW kritisiert, dass diese Entscheidung nicht gefällt wird“, heißt es in dem Schreiben. Unter anderem würden zu diesen Prüfungsgruppen – insbesondere an BBSen und Gesamtschulen (an den meisten Gymnasien gibt es 2020 kein Abitur) – viele Schüler gehören, die in der letzten Phase der Vorbereitungszeit intensiv begleitet werden müssten, um die Prüfungen erfolgreich absolvieren zu können. „Dieses ist unter den derzeitigen Bedingungen in weiten Teilen nur unzureichend möglich und scheitert unter anderem daran, dass nicht alle Schüler den dafür erforderlichen Zugang zu digitalen Kommunikationswegen haben.“

Von Ute Lühr

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