Stadtförster zeigt Carmen Maria Bendorf den Borkenkäferbefall unter der Rinde einer Fichte. Hinten schauen Stadtbaurätin Heike Gundermann und Thomas Mischke (Nabu) zu. Foto: t&w

Wenn der Wald zur Plantage wird

Lüneburg. Der Borkenkäfer ist gern in Gesellschaft. Zigtausendfach hat er sich eingenistet in Lüneburgs Wäldern. Die milden Winter und zwei heiße Sommer haben ihm beste Bedingungen beschert. Stadtförster Per-Ole Wittenburg sieht das gar nicht gern, denn der Käfer sorgt für massive Schäden. Die Massenvermehrung müsse dringend gestoppt werden, um die Wälder zu retten. Deshalb wird nun ein Insektizid gesprüht. Denn würde die Stadt nicht handeln, so prognostiziert er, würden mittelfristig sicher acht Prozent der aktuellen Waldfläche im Stadtforst verschwinden.

Wittenburg steht im Wald zwischen Rettmer und Oerzen. Bei einem Ortstermin erläutert er die Folgen des Käferbefalls und die Gründe für den Insektizideinsatz. Wegen Corona sollte der Termin im kleineren Rahmen bleiben, je ein Vertreter jeder Fraktion aus dem Umweltausschuss wurden eingeladen. Gekommen sind lediglich Carmen Maria Bendorf (SPD) und Thomas Mitschke vom Nabu, für die Verwaltung mit dabei ist Stadtbaurätin Heike Gundermann. Wittenburg zückt ein Messer, schneidet ein Stück der Rinde von einem Fichtenstamm, der auf einem Polter lagert, und zeigt das Problem: „Schauen Sie, hier sind überall Käfer. Ich schätze, es sind so um die 200.000 an den Stämmen auf diesem Polter.“

Durch Corona-Krise kaum noch Abfuhrkapazitäten

Rund ein Dutzend dieser Polter lägen im Stadtforst verteilt – allesamt Bäume, die nicht mehr zu retten waren, die aber noch verarbeitet werden sollen. Und auch da liegt aktuell ein Problem. Einerseits sei der Holzmarkt übersättigt, seien statt 80 bis 90 Euro pro Kubikmeter nur noch 40 Prozent davon zu erzielen, andererseits sind wegen der Corona-Krise die Abfuhrkapazitäten und Kapazitäten in den Sägewerken geschrumpft. Also wird das Holz noch ein paar Wochen am Wegesrand im Wald liegen.

Weil aber der Borkenkäferflug unmittelbar bevorstehe, besteht dringender Handlungsbedarf, damit nicht weitere Bäume befallen werden. „Das müssen wir unbedingt verhindern. Wir haben schon jetzt an einigen Stellen fast einen Totalausfall der Fichte“, skizziert Wittenburg, der auf den enormen exponentiellen Vermehrungsfaktors innerhalb weniger Wochen verweist: „Aus einem Borkenkäferweibchen können innerhalb eines Sommers 100.000 Nachkommen entstehen. Anders ausgedrückt: Was mit einem befallenen Baum anfängt, betrifft nach sechs Wochen schon 30 Bäume.“

Nächste Woche soll deshalb eine Spezialfirma die gefällten und im Wald gelagerten Stämme besprühen, um den Käfer rechtzeitig vor seinem Ausflug abzutöten. Das 2000 bis 3000 Euro teure Verfahren sei „in solchen Extremsituationen wissenschaftlich anerkannt, empfohlen und wird derzeit in vielen Forstbetrieben angewendet. Normalerweise gilt in unserem Wald die Devise: Kein Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, doch in diesem Fall haben wir keine andere Wahl.“

Nabu kritisiert Eingriff in Nahrungsketten

Von Mitschke gibt es dafür keinen Beifall: „Als Nabu sehen wir den Einsatz von Gift natürlich kritisch, weil wir in Nahrungsketten eingreifen. So lassen wir die Natur bezahlen. Jungvögel sind gerade jetzt verzweifelt auf der Suche nach Futter. Ich hätte es deshalb lieber gesehen, wenn das Holz aus dem Wald abtransportiert und dann an einem neutralen Ort abseits von Wäldern gelagert würde, die Käfer fliegen ja nur maximal drei Kilometer.“

Das allerdings sei aus „Haftungsgründen“ nicht so einfach möglich, verdeutlicht der Stadtförster: „Wenn irgendein Waldbesitzer in der Umgebung einen Schaden durch Borkenkäfer nachweisen kann, müssten wir als Stadt den Schaden dann zahlen.“ Auch sei das verwendete Mittel für Vögel nicht gefährlich. Für Waldbesucher gehe ohnehin keine unmittelbare Gefahr aus, „allerdings sollte man Hautkontakt zum eingeschlagenen Holz vermeiden“, rät Wittenburg. Er vergleicht die Borkenkäferplage mit der Corona-Situation: „Wir haben jetzt die Möglichkeit, durch bestimmte Handlungsweisen eine Entwicklung abzubremsen.“

Von Alexander Hempelmann